Marguerite Duras: "Der Liebhaber"

18. Februar 2005, 22:17
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Wie es der Litaratin ein einziges mal in alller Vollkommenheit gelang, ihr eigenes Leben zum Mythos zu machen

Als man im Herbst 1984 vorsichtig bei Marguerite Duras anfragte, ob sie im Falle eines Falles den Prix Goncourt für ihren Roman Der Liebhaber annehmen würde (denn bei ihr war mit allem zu rechnen), da antwortete sie als die Sphinx, als die sie sich gerne gab: "Proust hat ihn auch bekommen." Als sie ihn dann tatsächlich bekam - und annahm -, war es trotz allem eine Überraschung.

Mit siebzig Jahren wurde einer Autorin der publikumswirksamste Preis Frankreichs verliehen, die mit ihren eher poetisch-fragmentarischen als erzählten Büchern, mit ihren hermetischen Filmen lange schon ihren festen Platz unter den literarischen, aber nicht unbedingt viel gelesenen Schriftstellern ihrer Zeit hatte.

Mit einem Schlag war aus Marguerite Duras eine Bestsellerautorin geworden. Liest man den Liebhaber heute neu, so ist dieser überwältigende Erfolg alles andere als überraschend, und der Roman ist nicht zufällig der Höhepunkt im Werk Duras', das immer schon um ihr eigenes Leben kreiste. Die Elemente dieses Lebens sind jedem Duras-Leser bekannt: Geburt, Kindheit und Jugend in Vietnam, damals noch eine französische Kolonie, die, lange vor dem großen Weltkrieg und dem so folgenreichen Vietnamkrieg, noch keine Assoziationen weckte von Tod und Grauen, sondern von fernöstlicher, geheimnisvoller Exotik.

Duras hat diesen Mythos Indochinas und des eigenen frühen Lebens immer wieder variiert, ausgeschmückt, zurückgenommen, wahre und erfundene Dinge verflochten, doch nie hat sie sich dabei einem konventionellen Roman so vollkommen genähert wie hier. Die Geschichte des 14-jährigen Mädchens und ihres um viele Jahre älteren chinesischen Geliebten verwebt den Traum von einem noch unberührten Vietnam mit der vieldeutig schimmernden Erotik, die auch den verbotenen Reiz mädchenhafter Sexualität nicht scheut. Der Liebhaber ist ein Schnittpunkt im Werk von Duras. Nie hat sie den zuweilen geradezu manierierten Singsang ihrer Sprache so gewandt eingesetzt; nie hat sie den Exotismus so weit ins Breitwandformat getrieben; nie hat sie so gekonnt gespielt mit der voyeuristischen Verlockung kindlicher Erotik - zuweilen ein Balanceakt auf der Grenze zum Kitsch. Und nie hat sie so absichtsvoll die Unterschiede verwischt zwischen Fantasie und Wirklichkeit.

Später hat Duras, verstört von ihrem Erfolg, es abgelehnt, den Liebhaber als autobiografisch zu verstehen, doch sie selbst hat die Verwechslung, die Travestie von Erfundenem in Wirklichkeit zum Leitmotiv ihres Buches gemacht. Ist das kapriziöse Mädchen tatsächlich die junge Marguerite? Hat es ihn tatsächlich gegeben, den unglücklichen chinesischen Geliebten?

Der ganze Reiz des Romans, der eine Genre-Bezeichnung bewusst vermeidet, liegt in der kunstvollen Inszenierung und ebenso kunstvollen Nichtbeantwortung dieser Frage. Die Art, wie sich das "Ich" der alt gewordenen Autorin in der Geschichte mit "die Kleine" der Abstand wahrenden dritten Person abwechselt, ist ein Spiel zwischen erfundener und wirklicher Liebe.

Getragen wird dieses Traumspiel von einer so einfachen wie melodischen, so schillernden wie monotonen Sprache, deren Faszination in Ilma Rakusas Übersetzung um kein Gran geringer ist als im klangvollen Französisch. Marguerite Duras wollte ihr eigenes Leben zum Mythos machen, ein einziges Mal ist es ihr in aller Vollkommenheit gelungen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20.2.2005)

Vorgestellt von
Wolfgang Matz
  • Artikelbild
    foto: süddeutsche bibliothek
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