Venedig ist nicht zu retten

1. März 2005, 13:26
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"Canal Grande", Hannu Raittilas witzige, gescheite Realsatire auf den Kampf der Kulturen

Ausgerechnet eine Truppe aus dem hohen Norden wird von der Unesco nach Venedig entsandt, um mit ihrem Ingenieurswissen die Lagunenstadt vor dem drohenden Versinken zu retten.

Es kommt, wie zu erwarten, sofort zum Clash of Cultures. Was der finnische Allrounder Hannu Raittila daraus macht, ist himmelschreiend komisch. Die nüchternen, protestantischen Finnen mit ihrer bäuerlichen, schollenverbundenen Tüchtigkeit sehen sich als Retter, den Venezianern hingegen scheint es ziemlich egal zu sein, dass sie versinken. Das tun sie schließlich seit Jahrhunderten, außerdem ist Karnevalszeit, wer hat da schon Interesse an Strömungsgeschwindigkeiten und ähnlichen Abstrusitäten.

Erst einmal brauchen die Italiener elendslang, bis sie den tatendurstigen Finnen ein Büro zur Verfügung stellen und auf krummen Wegen eine Einrichtung herbeischaffen. Die korrekten Nordländer packen es nicht: die seltsamen Bräuche in Harry's Bar, die Improvisationen, das merkwürdige Gehabe des gestylten Polizeipräsidenten, die absurden Essgewohnheiten, überhaupt alles. Man ist sich total fremd, und von den Unesco-Delegierten der anderen Länder ist auch keine Hilfe zu erwarten. Denn die versuchen nur, ihre nationalen Interessen durchzusetzen, und wann immer die Debatte zu mühsam wird, kommt ein besonderer Tagesordnungspunkt aufs Tapet: die Empfängnisverhütungskampagne für Tauben. Geht natürlich auch nicht. Denn dann würden die Taubenfutterverkäufer auf dem Markusplatz einen Aufstand machen, und die Katholiken sind sowieso gegen jede Geburtenkontrolle.

Andererseits ist man tolerant: In Venedig, dem jahrhundertealten Vergnügungszentrum Europas, wird man vieles gewohnt. So zuckt auch der Carabiniere mit keiner Wimper, als er zu einem "Brand" auf dem Dach des finnischen Konsuls ausrücken muss. Er trifft da eine Kammer voll Dampf und erwachsene, nackte Männer, die sich mit Ruten schlagen. Je nun, die Reichen frönen nun einmal den seltsamsten Perversionen. Die Finnen wiederum trifft fast der Schlag, als sie erkennen, wie wüst sämtliche Leitungen für die illegale Sauna unvorschriftsmäßig kreuz und quer an die Fassaden genagelt sind, wie schlampig gebaut wird, wie nachlässig man mit Vorschriften umgeht, sofern diese überhaupt vorhanden sind. Die Venezianer sind todschick, teuer gekleidet und treten aus Palazzi, die ihnen über dem Kopf zusammenfallen.

Kein Wunder, dass schließlich einer der finnischen Ingenieure meint, nach dem Prinzip der Zweckmäßigkeit müsste man die Kanäle von Venedig zuasphaltieren. Raittila lässt seine Figuren abwechselnd erzählen: Ein Chor aus subjektiven Stimmen sorgt für die Dramaturgie, die bei einem Finnen selbstverständlich nicht ohne düstere Verzweiflung auskommt.

Einer der Männer plant seinen Selbstmord, die Sekretärin der Gruppe hat ganz andere, ganz realistische Probleme, die sie auf ihre Art löst, und die windigen Venezianer, die die sich langweilenden - weil an der Arbeit verhinderten - Finnen für ihre Zwecke einspannen, sind sowieso ein Kapitel für sich.

"Canal Grande" ist ein entzückend komisches Lehrstück über kulturelle Verschiedenheit, eine schnurrige Innenansicht der Unvereinbarkeiten und Abstoßungsreaktionen. Allein die verzweifelte finnische Suada über nicht genormte Anschlusstücke für Campinggaskocher, die schon in jedem deutschen Bundesland verschieden sind, macht deutlich: So wird das nichts mit dem vereinten Europa!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20.2.2005)

Von Ingeborg Sperl
  • Hannu RaittilaCanal Grande 
Deutsch: Stefan Moster 
€ 19,90/366 Seiten Knaus, München 2005
    foto: knaus

    Hannu Raittila
    Canal Grande
    Deutsch: Stefan Moster
    € 19,90/366 Seiten
    Knaus, München 2005

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