Wir PC-Autodidakten

26. Februar 2005, 21:24
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Was passierte eigentlich je mit Computerhandbüchern? Mit meinem ersten PC wurde eine Tonne Handbücher mitgeliefert - zu MS-DOS (dem damaligen Betriebssystem), zum pfleglichen Umgang mit dem empfindsamen Gerät, wie man eine Floppy Disk einlegt, zur Textverarbeitung und was man sonst noch alles wissen sollte. Meinem jüngsten Notebook waren ein paar Zettel beigelegt.

Computerhandbücher sind aus der Mode gekommen, jedes Handy und jede Digitalkamera liefert heute ausführlichere Erklärungen zu ihrem Gebrauch mit als es die meisten PC-Hersteller tun. Wie lernen wir dann, was wir wissen müssen, um unseren PC optimal für unsere Arbeit einzusetzen?

Der harte, für manche unangenehme Kern der Antwort: Im PC-Zeitalter sind wir alle zu Autodidakten geworden. Das meiste von dem, was wir heute und morgen wissen müssen, können wir nur aus eigenem Antrieb lernen. Und wir kommen damit nie an ein Ende: Gerade wenn wir glauben, dass wir mit unseren Werkzeugen halbwegs zurecht kommen (z. B. mit dem Faxgerät vor zehn Jahren), bricht eine neue Technologie aus (wie E-Mail).

Natürlich gibt es Computerführerschein, Wifo- und Volkshochschulkurse und PC-Trainings. Aber die Kurse, die als Kickstart durchaus sinnvoll sein mögen, haben einen Nachteil: Die geballte Ladung Wissen, die sie servieren, kommt kaum unmittelbar zur Anwendung und ist vergessen, wenn die Details gebraucht werden.

Darum steht im Mittelpunkt des unvermeidlichen Do-it-yourself-Lernens das Netz, das wir uns dafür organisieren. Was oft als Problem beklagt wird ("Niemand erklärt einem wie es funktioniert"), ist eigentlich eine tolle Entwicklung: Viel von dem, was wir wissen müssen, findet als informelles "Peer-Learning" statt. Wir lernen von Kollegen, Freunden, unseren Kindern und den Freunden unserer Kinder (für wenig Geld kann man sich allenfalls sogar einen Coach in diesem Umfeld organisieren).

Wir müssen nur lernen, dass dies kein Defizit der PC-Welt, sondern eine Stärke ist, der wir uns bewusst bedienen können. Gute Unternehmen können das unterstützen, indem sie nebst einem Schulungsangebot Mitarbeiter designieren, die Zeit haben, anderen solchen Peer-Support in PC-Dingen zu geben.

Natürlich gibt es auch weiterhin Handbücher, aber eher aus der Buchhandlung als von den Herstellern. Die "Für Dummies"-Serie (und vergleichbare Produkte) haben sich auf Basics konzentriert; meine Faustregel: je dünner das Buch, desto besser. Es erhöht die Chance, dass man es auch wirklich durchblättert. Das reicht für den Start. Anschließend lernt man mehr, wenn man sein Peer-Netzwerk befragt, nach Antworten googelt und sich gelegentlich Zeit nimmt, mit Programmen zu spielen - ausprobieren, was passiert, wenn man einzelne Menüpunkte anklickt.

Keine Angst: Es kann (fast) nichts passieren. Vielleicht kostet es Zeit, Einstellungen wieder herzustellen. Aber "kaputtmachen" (wovor sich immer noch viele fürchten) kann man so gut wie nichts, außer an der Datei, an der man arbeitet und von der man da- rum eine Sicherungskopie macht. Und klammheimlich macht es ja vielleicht auch in bisschen Spaß. (Helmut Spudich/Der Standard, Printausgabe 19./20.02.2005)

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