Blair macht gern einen Umweg nach Brüssel

21. Februar 2005, 17:57
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Premier auf ganz sachter Distanz zu Bush

Reisetechnisch fällt es schon aus dem Rahmen, dass Tony Blair extra nach Brüssel fahren muss, um George Bush zu sehen. Die beiden geben sich gern als Brüder im Geiste, und wenn sie einander treffen, dann am liebsten auf heimischem Terrain, in trauter Runde vor prasselndem Kaminfeuer. Nun hat es Bush so eingerichtet, dass sein Europatrip nicht nach England führt.

Also muss der britische Premier den Ärmelkanal überqueren - ein Umweg, unüblich, aber nicht unangenehm. Es ist den Strategen in London durchaus recht, dass sich Bush auf Brüssel konzentriert. Mag die Daily Mail, das Zentralorgan hartgesottener Insulaner, auch noch so sehr auf den Brüsseler Superstaat und Blairs angeblichen Kniefall schimpfen. Die seriösere Times findet den Fahrplan in Ordnung: "Gute Neuigkeiten für Blair, so was ist selten."

Blair kann es verschmerzen, dass Bush einen Bogen ums Inselreich macht. Es kommt ihm sogar zupass. Voraussichtlich im Mai schreiten die Briten zur Parlamentswahl. PR-Berater raten dem Regierungschef resolut davon ab, seine Nähe zum Weißen Haus als Plus zu vermarkten. Lieber skizzieren sie einen grübelnden Tony Blair, der Kritikern sein Ohr leiht und über alles nachdenkt - auch über den bedingungslosen transatlantischen Schulterschluss, der ihm den Vorwurf eintrug, Bushs Pudel zu sein.

Neuer Pakt

Zwei Denkfabriken, das Centre for European Reform (CER) in London und die Brookings Institution in Washington, haben indes aufgelistet, was EU und USA tun müssten, um den Riss zu reparieren. Irak: Die USA hören in einem "strategischen Dialog" auf die Einwände der EU. Die bildet dafür pro Jahr 5000 irakische Beamte sowie 25.000 Polizisten aus. Iran: Washington unterstützt die Gespräche, die Briten, Deutsche und Franzosen mit Teheran führen. Die EU erklärt sich bereit, den Iran zu bestrafen, falls man dort Uran anreichert. Von britischer Seite wurde das Papier ("Pakt zwischen den USA und Europa") von Ex-Außenminister Douglas Hurd und Oxford-Professor Timothy Garton Ash unterschrieben. Es gehe darum, aus einem Teufelskreis auszuscheren, so CER-Direktor Charles Grant und Brookings-Politologe Philip H. Gordon. Seit dem Irakkrieg speise sich die Kontroverse aus sich selbst ständig neu: "Die US-Politik löst Feindseligkeit unter den Europäern aus, umgekehrt ist es genauso. (...) Dieser Teufelskreis nützt keinem." (Frank Herrmann/DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.2.2005)

Von Frank Herrmann aus London
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