Ein intimes Arbeitsessen mit Jacques

21. Februar 2005, 13:53
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Präsident Chirac will Scherben kitten

Bei der Planung seiner Europa-Reise hatte George Bush ursprünglich keine Zeit für Jacques Chirac eingeplant. Die Franzosen insistierten aber, und zum Schluss war Bush dann doch bereit, Chirac während seines Stopovers in Brüssel zu einem Arbeitsessen zu empfangen. Allerdings kommt es zur sonderbaren Konstellation, dass ein Staatsoberhaupt aus einem fernen Kontinent Chirac vor dessen Haustür (von Paris nach Brüssel ist es im TGV nur gut eine Stunde Fahrzeit) zum Essen "einlädt". So - und nicht umgekehrt - ist es nach dem diplomatischen Protokoll vorgesehen.

Es entspricht aber auch den internationalen Kräfteverhältnissen. Seit dem Irakkrieg sind die Franzosen einiges leiser geworden, was die Kritik am großen Nachbarn anbelangt. Aber auch Bush scheint die Grenzen seiner harten Haltung zu erkennen. An der Seine wie auch am Potomac beteuern die Diplomaten heute, dass Europa und die USA aufeinander angewiesen seien. Ob sie auch daran glauben, steht auf einem anderen Blatt.

Hinter den freundlichen Mienen herrscht weiter Misstrauen. Chirac und Bush können nicht miteinander. Missverständnisse mögen dabei mitspielen. Chirac, der in seiner Jugendzeit im US-Midwest jobbte, mag die USA persönlich mehr als jeder andere Präsident der Fünften Republik, und Bush soll in französischer Lebenskultur weniger unbedarft sein, als es den Anschein macht. Das ändert nichts daran, dass der bald schon 200 Jahre alte Kulturkampf zwischen Amerikanern und Franzosen im Irakkrieg eine bittere Neuauflage fand, als in Washington "French Fries" ernsthaft in "Freedom Fries" umgetauft wurden. Kalt analysiert Exaußenminister Hubert Védrine, man sei "nun einmal verschieden". Europäer und Amerikaner hätten sich seit dem Ende des Kalten Krieges nicht auseinander gelebt. Vielmehr habe die Periode des Kalten Krieges bloß die alten, grundlegend verschiedenen Interessen kaschiert.

Zäher Kampf

Der heutige Außenminister Michel Barnier verweist demgegenüber darauf, dass Amerikaner und Franzosen sowohl in Afghanistan wie auch in Haiti oder dem Tsunami-Gebiet Seite an Seite arbeiteten. Seine US-Kollegin Rice meinte unlängst ebenfalls, die franko-amerikanischen Beziehungen seien "in der Praxis besser als in der Theorie". Diese Sicht wird indes vielenorts Lügen gestraft. Beispielsweise durch den zähen Kampf im Pariser Club um der Erlass der irakischen Schulden, im kulturellen Bereich oder der Kernfrage des Nahen und Mittleren Ostens, wo die bilaterale Rivalität so stark bleibt wie auf dem globalwirtschaftlichen Gebiet. (Stefan Brändle/DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.2.2005)

Von Stefan Brändle aus Paris
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