Das brave Berserkertum

28. Februar 2005, 20:06
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Yefim Bronfman und Pierre-Laurent Aimard in Wien

Wien - Überwältigt, überrollt, gezeichnet von den jüngst miterlebten, übermenschlichen Performances der beiden Tastentitanen Jewgenij Kissin und Lang Lang, kam Yefim Bronfmans Recital über den Berichterstatter wie ein lauschiger, wohltemperierter Frühsommermorgen nach zwei Wirbelsturmtagen.

Nicht, dass der in Tashkent geborene, in Israel jugendlich gewordene US-Amerikaner als ein Anhänger des lauen, säuseligen Tastendrückens zu bezeichnen wäre, nein: Der Mittvierziger liebt das satte, kraftbetonte Klavierspiel, er versteht es, melodische Linien mit einem energischen Zug zu zeichnen, dynamische Höhepunkte mit beeindruckender Verve zu proklamieren.

Nur schien alles Tun des Klavierkünstlers vom Grundgedanken des routinierten, unverbindlichen Eilens geprägt: Hastig schloss Phrase an Phrase, Werkabschnitt an Werkabschnitt, und selbst die stirnseitige Schweißbeseitigung musste passieren, noch während die letzten Akkordklänge eines Stückteils selig die güldenen Weiten des Großen Musikvereinssaales erkundeten.

Etwas Muße

Zwei versiert feinsinnig erzählte Schumanns (Humoreske op. 20, Arabeske op. 18) ließen die Muße aufkommen, kurz über das eigene Leben zu reflektieren; zwei brav berserkerhaft gebrachte Prokofjews (Sonate Nr. 2 und Nr. 7) zerballerten die eher melancholisch geprägten Gedankengänge und lieferten so die Energieimpulse für einen einigermaßen vitalen Schlussapplaus.

Berserkertum auch im Konzerthaus: Wucht, Kraft, Strenge, ja: Gnadenlosigkeit zeichneten Tamara Stefanovichs Wiedergabe der zweiten Klaviersonate Pierre Boulez' aus. Die in Köln lebende Serbin bulldozerte durch das viersätzige Werk - eine finale, superintensiv-expressiv-tüftelige Abrechnung des Franzosen mit dieser Gattung - gleich einer hochpräzisen pianistischen Terminatrix: Sensible Gemüter sollten hierbei kurzzeitig ihres Glaubens an die promenschliche Grundeinstellung allen musikalischen Tätigseins verlustig gehen.

Den Rest des Boulez'schen Klaviersolowerks gab (und erklärte auch kurz) Pierre-Laurent Aimard, der Horowitz, upgedatet: der Lang Lang der zeitgenössisch orientierten Pianistenschaft. Seine technischen Fertigkeiten machten staunen und glücklich; Eleganz, Intensität, Klarheit und eine große Variabilität paaren sich in seinem Spiel.

So blieb einem nur, sich in Demut und Anerkennung zu verbeugen vor den außergewöhnlichen Fähigkeiten des Franzosen, die vertrackten, hyperkomplexen Tonkonstrukte des gefeierten (heuer 80!) Komponisten derart fulminant zu klingendem Leben zu erwecken: Chapeau.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20.2.2005)

Von Stefan Ender
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