Helden des Nihilismus

18. Februar 2005, 19:10
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Anmerkungen zur gegenwärtigen Debatte über den islamischen Terror - Kommentar der anderen von Wolfgang Müller-Funk

Das Bild des Terrorismus ist uns allen gewärtig, es wird uns durch Nachrichten aus Palästina, Tschetschenien, dem Irak oder auch Afghanistan tagtäglich ins Haus geliefert. Spätestens seit dem 11. September hat es ein kulturelles Format: Terror und Islam sind darin zu einem Schrecken erregenden Feindbild verschmolzen (womit man mindestens 90 Prozent der Muslime bitter Unrecht tut). Davon hebt sich licht die Gegenwelt der westlichen friedlichen Bürgergesellschaft ab, die von diesem bedroht ist. Während die ihr zugehörigen Opfer des Terrors - französische und italienische Journalisten, britische Sozialarbeiterinnen - Gesicht und Namen tragen, bleibt die Identität jener Männer, die in das Dunkel ihrer Kopfbedeckungen gehüllt sind, unbestimmt und anonym. Sie verkörpern, um einen berühmten Roman von Joseph Conrad zu zitieren, das Herz der Finsternis.

Westliches Exportgut

Nun steht es außer Zweifel, dass der gegenwärtige politisch motivierte Terror eine islamische Note trägt und, wie uns Islamwissenschaftler und Orientalisten versichern, kulturelle, politische und historische Hintergründe hat: die fortdauernde Demütigung durch den Westen, das Scheitern liberaler und sozialistischer Konzepte, das Spannungsverhältnis zwischen traditionellen Islam und der modernen Welt. Aber dass der Terrorismus spezifisch arabisch sei, stimmt mitnichten. Er ist wie so vieles andere auch - vom modernen Roman bis zur Diskothek - westliches Exportgut.

Der Blick auf unsere eigene europäische Geschichte des Terrorismus ist uns gegenwärtig eigentümlich verstellt. Diese erlebte mehrere Höhepunkte: die ersten in den Jahrzehnten vor 1914 - man denke hierzulande nur an Kaiserin Sisi und an Sarajewo. Dostojewski und Turgenjew haben den frühen Helden der Gewalt literarische Denkmäler gesetzt. Sie begegnen uns im Deutschland, Italien und Spanien der Zwischenkriegszeit, sie erringen dort später die politische Macht und etablieren staatsterroristische Regime, wir begegnen ihnen zwischen 1970 und 1990 in einer linken bzw. linksnationalistischen Version, im Baskenland, in Irland, auf Korsika, aber auch in Deutschland (RAF) oder Italien (Brigade Rosse). Der Terrorismus hat also durch und durch seine Wurzeln in der europäischen Moderne.

Kein Zufall, dass viele der Attentäter vom 11. September, etwa jene Gruppe um Mohammed Atta, einen europäischen Bildungsweg hinter sich haben und sich aus eher gebildeten Schichten rekrutieren. Gleiches gilt bekanntlich für die Kader der kambodschanischen Khmer Rouge, der verheerendsten Avantgarde des Terrors nach 1945. Die jungen islamischen Gewalttäter stellen nicht das letzte Gefecht des Traditionalismus dar, sondern sind Heroen einer konservativen Revolution.

"Der Mannesmut ist doch das Köstlichste." Dieser Satz des jungen Ernst Jünger dürfte wohl jeder der heutigen Terroristen aus vollem Herzen unterschreiben. Ebenso den Hass auf die Kultur des Liberalismus, die Verachtung des Individuums, die Abneigung gegen die Frau und gegen die Manifestationen westlicher Kultur ("Lackschuhe, Plakate, Zeitungen, Moral"). Nietzsche, Jüngers Vordenker, hat ihren Repräsentanten doppelsinnig und verächtlich als den "letzten Menschen" bezeichnet. Dagegen steht der Übermensch auf, der die Werte des letzten Menschen durchstreicht: Sich nicht schonen und andere nicht schonen.

Der heroische Einsatz von Gewalt stiftet Größe, hebt heraus aus der Masse. Die heroische Qualität des Gewalttäters wächst in den Augen seiner Anhängerschaft, vor allem wenn er, für den das Attentat, der Terror, der Kampf letztlich Selbstzweck ist, sich durch abstrakte mächtige Worte wie Nation oder Islam symbolisch aufladen kann. Der Terrorist ist ein Nihilist, der weiß, was er hasst, nämlich die moderne westliche Welt, aber er, der sich Bilder einer Vergangenheit schafft, die niemals existierte, hat kein Ziel und keinen Plan. Außer der Tat, die er setzen möchte.

Das Selbstmordattentat ist, vor allem in dieser Breite, in der Tat ein historisch neuartiges Phänomen. Aber zu bedenken bleibt, dass im Terrorismus die Bereitschaft zum eigenen Tod eingeschrieben ist: Die Bereitschaft, sein eigenes Leben zu opfern für eine vermeintlich große Sache, liefert die moralische Rechtfertigung, das Leben des Anderen gering zu achten. Er verhöhnt die Zivilgesellschaft westlichen Zuschnitts, weil sie so am Leben hängt.

Wenn westliche Geiseln in arabischen Fernsehstationen um ihr Leben flehen, dann bestätigt sich für ihn höhnisch das Bild, das der heroische Gewalttäter von der westlichen Kultur hat. Wie etwa auch anhand der Schriften eines englischen Terroristen aus den 1920er Jahren nachzuvollziehen ist, die sich wie ein Vademecum des modernen Terrorismus lesen: Der "Held" trägt beständig eine Bombe bei sich trägt, bereit, sich jeder Zeit in die Luft zu sprengen.

Der Körper als Waffe Im Unterschied zum modernen Menschen, der Körper ist, hat der Kämpfer - so Jünger - ein distanziertes, strategisches Verhältnis zu seinem Körper. Er setzt ihn als Instrument, als Waffe, ein. Der Selbstmordattentäter wird zur Kampfmaschine. Insofern haben die islamischen Terroristen, die andere in die Luft jagen, indem sie sich selbst zur tödlichen Waffe machen, Ernst Jüngers Idee nur konsequent zu Ende gedacht.

Aber es gibt noch ein ganz und gar modernes Moment bei den gegenwärtigen Selbstmordattentaten. Der Selbstmord ist, wie man Jean Amerys feinsinnigem Buch "Hand an sich legen" entnehmen kann, ein durch und durch modernes Phänomen. Die pseudo-religiöse Rechtfertigung des Selbstmordattentates durch den Heiligen Krieg gegen den Westen verdeckt die Tatsache, dass die Selbsttötung - im Gegensatz zum offenen Zweikampf - in nahezu allen Religionen, voran in Christentum und Islam, streng verpönt ist. Erst der Mensch nach dem Tod Gottes sieht sich in der Lage, nach Belieben über sein Leben zu verfügen. Nicht länger braucht er den Zorn Gottes zu fürchten.

Geschlechterfrage

Erstaunlich sind in diesem Zusammenhang die feinen Differenzen innerhalb der islamischen Welt: Während nämlich Al Kaida und ähnliche terroristische Netzwerke durch und durch männerbündisch sind, ist die Zahl weiblicher Terroristen in den radikalen tschetschenischen und palästinensischen Gruppen beträchtlich. Das verweist auf gravierende Unterschiede zwischen den arabischen Kulturen. Historisch betrachtet, unterschieden sich rechter und linker Terrorismus in Europa in der Geschlechterfrage: Während in den Augen der konservativen Revolutionäre der heroische Wagemut und die Bereitschaft zur Gewalt dem Mann vorbehalten sein soll, gestatten Anarchismus und Antikolonialismus, dass auch die mutige Frau das doppelte terroristische Opfer bringt: den Preis des eigenen Lebens und den des Lebens anderer.

Sofern der Kampf gegen den Terrorismus sich nicht auf polizeiliche Maßnahmen beschränkt, sondern auch auf intellektuelle und psychologische Auseinandersetzung zielt, ist es daher vielleicht nicht unwichtig, das Phänomen des Terrors nicht so sehr einem finsteren, "mittelalterlichen" Islam zuzuschreiben, sondern ihn als Teil jener politischen, ökonomischen und kulturellen Widersprüche zu begreifen, wie sie mit dem Drama einer Moderne einhergehen, die zunehmend globale Dimension besitzt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20.2.2005)

Wolfgang Müller-Funk, Literatur- und Kulturwissenschafter in Wien, ist Kurator der NÖ Landesausstellung 2005 "Lauter Helden".
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    Terror und Islam sind in der Wahrnehmung des Westens zu einem Schrecken erregenden Feindbild verschmolzen - aber hält diese Sichtweise der Realität stand? Thronfolger-Attentäter Gavrilo Princip (1914)

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    Video-Botschaft islamischer Selbstmord-Terroristen (2004)

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    Besucher der RAF-Ausstellung in Berlin.

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