Europaweit 310.000 Tote durch Feinstaub und Ozon

21. Februar 2005, 19:55
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Laut einer EU-weiten Studie verringern Feinstaub und Ozon die Lebenserwartung jedes Europäers um neun Monate

Brüssel/Wien – Der Ruß und das Ozon in der Luft kostet jeden Europäer durchschnittlich neun Monate seines Lebens. Jährlich fällt pro Arbeitnehmer ein halber Tag durch Luftverschmutzung bedingter Krankenstand an, was zu 80 Milliarden Euro Verlusten beim EU-weiten Bruttoinlandsprodukt führt.

Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie der Europäischen Kommission zur Luftqualität in der EU, die dem Standard exklusiv vorliegt. Kommenden Montag und Dienstag wird der Bericht in Brüssel Mitgliedern der Steuerungsgruppe des EU-Programms „Clean Air for Europe“ (CAFE) präsentiert.

Folgen der Luftverschmutzung

Die mit der Unterstützung der Weltgesundheitsorganisation WHO und auf Grundlage nationaler Daten vom Laxenburger Institut für Angewandte Systemanalysen erstellte Expertise kommt zu dem Schluss, dass geschätzte 288.275 Menschen pro Jahr allein in der EU an den Folgen der Luftverschmutzung sterben.

Auch Herz und Kreislauf

Auf dem ganzen Kontinent seien jährlich 310.000 Todesopfer zu beklagen. Durch chronische Lungenerkrankungen bis hin zum Lungenkrebs. Aber ebenso durch Herz- und Kreislauferkrankungen, die laut Jürgen Schneider aus dem heimischen Umweltbundesamt „von der EU-Kommission in immer engeren Zusammenhang mit Feinstaubbelastung gestellt werden“.

Diesel-Russ

Das Risiko erhöht Feinstaub vor allem von den etwa aus Diesel-Ruß entstehenden Kleinstpartikeln, die winziger als 2,5 Mikrometer (Millionstel eines Meters) sind. Diese seien klein genug, um selbst Lungenbläschen zu penetrieren – und so das Lungen-Herzsystem zu belasten, erläutert der österreichische CAFE-Delegierte Schneider: Ein in der EU, wo Herzkreislauferkrankungen die häufigste Todesursache sind, als „zentral“ erkanntes Thema.

Drei Lebensjahre weniger

Zweitgefährlichster Luftschadstoff in Europa ist derzeit das bodennahe Ozon. Auch hier schneiden die Beneluxländer, Norditalien und die neuen EU-Mitgliedsstaaten Mittel- und Osteuropas am schlechtesten ab: Die Lebenserwartung eines ihrer Bewohner wird wegen der Luftverschmutzung um gleich drei Jahre verkürzt. Während in den skandinavischen Staaten am besten Luftholen ist: Sie sind von Ozon- und Feinstaubproblemen bisher großteils verschont geblieben.

Gesünder durch Alpen

Mit durchschnittlich vier bis sechs Monaten kürzerer Lebenserwartung und 4643 Todesfällen pro Jahr bewegt sich Österreich bei der Folgen der Luftverschmutzung im absoluten EU-Mittelfeld. Dies obwohl – wie Schneider betont – der Dieselboom in Österreich besonders groß ist. Doch das Land profitiere eben von seiner alpinen Geografie, die Auto-, Streusplitt-, Hausbrand- und Industriefreie Zonen erzwinge.

Für die Umweltschutzgruppe Global 2000 kein Anlass zur Beruhigung: Sie plant in Staulagen wie Graz das systematische Einbringen von Privatklagen Betroffener. Die Aktion soll im März starten.

Den Weg verbindlicher Abmachungen will man indes bei CAFE gehen. In der EU-Kommission in Diskussion seien zum Beispiel strengere Emissionsgrenzwerte für Pkw und Lkw, erläutert Schneider – und zwar mittelfristig auch auf Herstellerseite. (bri, DER STANDARD Printausgabe, 19.02.2005)

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