Immer nie so glücklich, wie man gerne wäre

2. März 2005, 18:59
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Christoph Grissemann und Dirk Stermann im Interview über ihr neues Programm "Harte Hasen"

Christoph Grissemann und Dirk Stermann vermochten sogar Blixa Bargeld lyrisch zu trösten. Ihrem neuen Programm "Harte Hasen" sehen sie mit Margarete Affenzeller also gelassen entgegen.

STANDARD: In einem Interview haben Sie auf die Frage, ob Sie überhaupt noch etwas ernst nehmen können, geantwortet: "Ja. Literatur."

Grissemann: Puh, an das kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern. Ich nehme alles ernst. Ich bin ein humorloser Mensch. Ich hätte auch etwas anderes werden können.

STANDARD: Was denn?

Grissemann: Datenbankadministrator.

Stermann: Meine Tochter hat das gut gelöst. Sie musste in der Schule den Beruf ihres Vaters angeben und schrieb dann "Stermann" hin.

STANDARD: Zur Literatur . . .

Stermann: Nachdem wir einmal zufällig im selben Zürcher Hotel wie Blixa Bargeld wohnten, haben wir begonnen, ihm Gedichte in die jeweiligen Hotels vorauszuschicken. Er kannte uns nicht. Wir haben ihn nur beobachtet, wie er seinen Tee trank, das war schön.

Grissemann: Er hat natürlich schwarzen Tee getrunken!

Stermann: . . . und schwarze Unterhosen getragen. Er hatte einen besonderen schwarzen Tee in einer Dose (schwarz!), die er einer Hoteldame mit der Bitte um Zubereitung gab. Doch die kannte sich mit Tee nicht aus und hat dann einfach heißes Wasser in diese schwarze Dose gegossen! Dann ist Bargeld dort um 9 Uhr früh ausgerastet.

Grissemann: Wir fanden es passend, Bargeld in der Folge mit Dada-Gedichten zu irritieren. So, dass, wenn er kommt, die Rezeptionistin schon mit der frischen Lyrik winkt.

STANDARD: Welche Gedichte waren das?

Stermann: Kleinzeug. "Muh, muh, mu-hu-hu./ Eine Kuh steht auf der Weide,/ vor ihr ein Stückchen Kreide./ Ich mal die Kuh mit Kreide an,/ das ist die Kuh mit Kreide dann." - Wichtig! An Blixa Bargeld!

STANDARD: Ihr Buch "Als wir noch nicht von Funk und Fernsehen kaputt gemacht worden sind?" ist dann ja auch Herrn Bargeld gewidmet.

Grissemann: Echt?

STANDARD: Ja. Es enthält zudem Fromme Gemüsegedichte.

Grissemann: Nein, die sind in Immer nie am Meer drin.

Stermann: Ein sehr schöner Titel. Ein Bild, das von der Grundtraurigkeit erzählt, die wir in uns tragen und mit der wir arbeiten; die ist auch teilweise gelogen.

STANDARD: Operationen mit geliehener Hoffnungslosigkeit?

Grissemann: Ja, Zerschlagenheit und Depression sind eine viel bessere Basis für das Erzeugen von Komik.

STANDARD: Wo sehen Sie sich in zwanzig Jahren?

Grissemann: Als Mittelklasseschauspieler in irgendeiner Provinzbühne. Ich möchte nämlich ins Schauspielfach wechseln.

STANDARD: Was sagt Kammerschauspielerin Hilde Sochor dazu? Mit ihr haben Sie beide den Schwab-Abend "Seele brennt!" gestaltet.

Grissemann: Die unterstützt mich dabei, deshalb trau' ich mich das auch zu sagen.

STANDARD: Das ist aber ein hartes Geschäft.

Grissemann: Ja, aber wahrscheinlich bin ich den FM4-Job in spätestens zehn Jahren los, weil man mit 50 beim Jugendradio schwer der Held sein kann.

STANDARD: Und Fernsehen?

Stermann: Das Demokratische beim Fernsehen ist, dass sowohl Macher wie Konsumenten darunter leiden. Beide gehen nach dem Abdrehen gleich traurig ins Bett. Auch die, die im Fernsehen auftreten, sind unglücklich. Richard Lugner zum Beispiel; wenn er nach Hause geht, ist er auch nur der Baumeister, der ein blasses Kind hat. Glücklich sind laut Umfragen ja nur die Kambodschaner, die sehen nicht fern.

STANDARD: Ihr neues Programm "Harte Hasen" (Premiere ist am 1. März im Rabenhof Theater) klingt wie "Hundert Hennen" von Hermes Phettberg.

Stermann: Das habe ich mir auch schon gedacht.

Grissemann: Wobei er nur "Hu-He-" hat, wir aber die vollkommene Alliteration "Ha- Ha-"!

Stermann: Phettberg würde gern Fernsehsendungen machen, weil er die Liebe sucht. Aber die gibt's dort nicht. Ich gehe, seit ich das erste Mal im Fernsehen war, nicht mehr ins öffentliche Schwimmbad, weil Menschen mich kennen und denken könnten: Hat der eine Wampe!

Grissemann: Phettberg und Stermann haben den Kampf gegen die Wampe aufgegeben! Das ist traurig. Ich nicht.

Stermann: Christoph steht ständig in Hallenbädern herum und schaut sich um.

STANDARD: Wie viel Prozent von dem, was auf der Bühne passieren wird, wissen Sie vorher?

Grissemann: Zirka 35 Prozent.

Stermann: Da Christoph Burgtheaterschauspieler in spe ist, wird Harte Hasen aber deutlich szenischer.

STANDARD: Erreichen Sie Momente der Scham, vielleicht in der Vorbereitung, wo Sie spüren, das geht jetzt zu weit?

Grissemann: Schamvolle Momente gibt es in Radiosendungen. Wenn man irgendjemanden anruft, einen Fleischhauer in Duisburg zum Beispiel, und merkt, der kennt sich überhaupt nicht mehr aus. Da komme ich mir manchmal sehr blöd vor.

STANDARD: Das wird dann mit fixen Sprechrollen am Theater besser. Was haben Sie von Frau Sochor gelernt?

Grissemann: Dass man sich am Ende dreimal verbeugen muss. Wir sind sonst einfach ganz träge abgehauen.

Stermann: Mich interessiert das Perfekte auf der Bühne nicht. Wir dachten immer, man muss betrunken und einfach räudig sein.

Grissemann: Nein, das habe ich mir nie gedacht! Und ich wollte immer perfekt sein, nur habe ich es nicht geschafft. Ich wollte auch nicht betrunken auf der Bühne sein, nur musste ich mich aus der Schüchternheit heraustrinken.

Stermann: Also das mit der Schüchternheit versteh' ich schon. Ich meinte mit "nicht inszeniert" das "Echte". Ich finde es am Theater besser, wenn man wie Schlingensief "echt" von der Treppe fällt und dann blutet, als man schauspielert das perfekt. Ich finde echtes Bluten auf der Bühne besser als das gespielte, auch das psychische Bluten.

STANDARD: Sie brauchen den Moment der Unsicherheit?

Grissemann: Nein, aber ich hab ihn. Um mich aus dem Panzer der Unsicherheit herauszulösen, verlangt es mich nach gewissen Substanzen. Leider. Ich wäre gern Gedeon Burkhardt. Der hat bestimmt keine Selbstzweifel, hält sich für einen großen Schauspieler und sieht verdammt gut aus.

Stermann: Und ich bin wie Gedeon Burkhardt, hab aber das Verlangen nach Unsicherheit. Wir sind eben ein echtes Psycho-Dreamteam.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20.2.2005)

Zur Person

Christoph Grissemann und Dirk Stermann führen seit ihrer Zeit bei Ö3 ("Zick Zack") eine Humorehe als Entertainer. 1990 eröffneten sie den "Salon Helga" auf FM4, im TV traten sie etwa in der Singleshow "Blech oder Blume" an. 2002 haben sie die Songcontest-Teilnahme verpasst, dafür aber den internationalen Kabarettpreis "Salzburger Stier" erhalten.

  • Zurückgekehrt aus dem "boomenden Moloch Schanghai": Dirk Stermann (früher), Christoph Grissemann (später), wo sie den "südchinesischen Mythos" der "Harten Hasen" zu ergründen vorgaben.
    foto: standard/cremer

    Zurückgekehrt aus dem "boomenden Moloch Schanghai": Dirk Stermann (früher), Christoph Grissemann (später), wo sie den "südchinesischen Mythos" der "Harten Hasen" zu ergründen vorgaben.

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