Sofortmaßnahmen für die Schule

4. Mai 2005, 20:32
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Ministerin Gehrer will also pragmatisch am inneren Zustand der Schule etwas verbessern und das ist erstens richtig, zweitens einigermaßen spät

Bis die große, ganz grundlegende Schulreform kommt und dann auch noch greift (wir reden von sehr langen Zeiträumen) könne man doch die wichtigsten praktischen Missstände in der Schulstruktur ausräumen, meinte kürzlich der Chef der österreichischen Pisa-Kommission, Günther Haider.

Zum Beispiel die vielen ausfallenden Unterrichtsstunden in den höheren Schulen. Nun berichten Insider schon seit Längerem, dass das Schuljahr inzwischen einem Schweizer Käse gleicht, mit riesigen Löchern. Frau Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer hat deshalb auch ein Projekt "Unterrichtsgarantie" gestartet.

Die Eltern hätten ein Anrecht, dass Unterricht auch stattfindet, sagt sie im Gespräch für diese Kolumne. Daher gebe es jetzt die Überlegung, die Nachprüfungen statt in die erste Woche des Schulbeginns im September doch in die letzte Ferienwoche zu verlegen. Und im Juni, wenn kaum mehr Unterricht stattfindet, soll auch etwas geschehen. Das ist nur ein kleines Schlaglicht auf Zustände, die hier eingerissen sind (und "Direktorstage", "schulautonome Tage", die zum kunstvollen Bauen von schulfreien Tagen benutzt werden können, sind da gar nicht erwähnt).

Ministerin Gehrer will also pragmatisch am inneren Zustand der Schule etwas verbessern und das ist erstens richtig, zweitens einigermaßen spät. Aber immerhin. Anders wird es auch gar nicht gehen. Ansonsten möchte sie die Schulorganisation "der neuen Lebenswirklichkeit anpassen". Also sollen die Schulen ab Herbst die Fünf-Tage-Woche und eine Tagesbetreuung anbieten. "Bisher mussten die Eltern darum betteln gehen", sagt Gehrer, "nun müssen das die Schulen anbieten." Die Finanzierung?

Der Bund wird zehn Stunden finanzieren, die Eltern zahlen schon jetzt 80 Euro Betreuungsgeld und den Rest zahlt eben der Schulerhalter ...

Diese Lösung ist keine echte Ganztagsschule, aber auch hier sollte man kleinere Verbesserungen machen, ehe man gar nichts tut. Es wird schwierig genug sein, das gegen die Lehrergewerkschaft durchzusetzen.

Mit der Aufgabe der Zwei-Drittel-Mehrheit für Schulgesetze wird man viel mehr an solchen sofort umsetzbaren, qualitätsverbessernden Maßnahmen durchführen können, heißt es. Minister Gehrer will in einigen Wochen einen entsprechenden Gesetzesentwurf zur Begutachtung ausschicken.

In ihrer Sicht hat sie sich hinausgewagt, indem sie das Angebot Gusenbauers, die Zwei-Drittel-Sperre aufzugeben, annahm. Nun stelle Gusenbauer doch Bedingungen und wolle die Bestimmung "kein Schulgeld" zementieren. Gehrer weist darauf hin, Österreich ohnehin einer UN-Konvention beigetreten sei, mit der die Unentgeltlichkeit garantiert sei. Vermutlich wäre die SPÖ gut beraten, hier mit der Regierung ein gemeinsames Vorgehen zu finden und nicht zu blockieren. Gusenbauer hat die Bildung erfolgreich zu seinem Thema gemacht und mit dem Angebot der Streichung der Zwei-Drittel-Klausel eine wirkliche politische Tat gesetzt. Jetzt könnte er diesen Erfolg mit einem Verzicht auf Bestemm abrunden. Denn wenn die Zwei-Dritte-Sperre fürs Schulgeld bleibt, warum dann nicht auch für andere Spezialfragen ?

Das Wichtigste wird aber sein, die Bewegung nicht zu verlieren, in die das Schulthema jetzt durch die Pisa-Studie geraten ist. Die beharrenden Kräfte, vor allem in der Lehrergewerkschaft, sind enorm stark. Sie wurden von der Entwicklung überrascht, sie sammeln sich aber bereits wieder.

(Hans Rauscher/DER STANDARD-Printausgabe, 19.2.2005)

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