"Selektion mit zehn Jahren ist zu früh"

22. März 2005, 14:16
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Oberösterreichs Landeschef Pühringer tritt im STANDARD-Interview für eine Verlängerung der Volksschule um zwei Jahre ein

STANDARD: Mit ihrer Forderung nach sechs Grundschuljahren zeigen Sie sich deutlich kompromissbereiter als ihre Bundespartei. Ebnen sie jetzt der ÖVP den Weg in Richtung Gesamtschule?

Pühringer: Ich will auf keinen Fall eine Gesamtschule, wir brauchen ein differenziertes Schulsystem. Es ist aber meine Meinung und die vieler Schulexperten, dass die Selektion mit zehn Jahren zu früh ist. Ich schlage daher eine Verlängerung der Volksschule um zwei Jahre vor.

STANDARD: Haben sie ihren Vorschlag bereits Parteichef Wolfgang Schüssel unterbreitet?

Pühringer: Nein, wir stehen ja auch erst am Anfang des Reformdialoges. Es gilt jetzt, die ideologischen Scheuklappen abzulegen, uns von alten Systemen zu verabschieden und gemeinsam Schule neu zu denken.

STANDARD: Die SPÖ fordert eine verfassungsrechtliche Verankerung gegen die Einführung von Schulgeld. Wie stehen Sie dazu?

Pühringer: Wenn wir anfangen, solche Grundrechte in die Verfassung zu nehmen, können wir gleich die ganze Rechtsordnung in die Verfassung tun. Es ist klar, dass die kostenlose Schule aufrecht bleibt.

STANDARD: Warum ziert sich die ÖVP dann vor einem verfassungstauglichen Ja?

 Pühringer: Weil es eine Prinzipfrage ist. Die SPÖ propagiert "Weg von der Zweidrittelmehrheit" und am ersten Tag danach kommt schon der erste Ausnahmetatbestand. Das ist nicht glaubwürdig.

STANDARD: Pisa hat zwar das Land wachgerüttelt, der Reformdialog scheint aber eher schleppend voran zu gehen.

Pühringer: Ganz im Gegenteil. In so einer wichtigen Frage darf es keine Schnellschüsse geben. Wir brauchen die nötige Zeit, um eine optimale Schule des 21. Jahrhunderts zu schaffen.

STANDARD: Wo sollte man jetzt vordergründig mit den Reformen ansetzen?

Pühringer: Ich sehe drei Problemfelder: Die familiäre Realität des 21. Jahrhunderts, die nach mehr ganztägiger Betreuung verlangt. Eine Selektion frühstens ab dem zwölften Lebensjahr. Und vor allem gilt es, das Problem der Sprachkompetenz bei Kindern nicht deutscher Muttersprache zu lösen.

STANDARD: Ist es nicht eigenartig, ein kränkelndes Schulsystem mit verpflichtenden Deutschkursen kurieren zu wollen?

Pühringer: Unser Schulsystem ist nicht krank, wir haben eine gute Schule. Der Bereich der Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache ist ein vorrangiges Problem, das wir lösen müssen. Integration beginnt bei uns mit der Sprache.

STANDARD: Wer sollte die Kosten einer verstärkten Ganztagsbetreuung tragen? Das wird ja nicht ganz billig werden.

Pühringer: Ganz einfach: Die Personalkosten sind Sache des Bundes. Länder und Gemeinden müssen für die Räumlichkeiten sorgen, sie werden aber hier Bundeshilfe brauchen.

STANDARD: Die FPÖ fühlt sich übergangen, Jörg Haider ist schwer verstimmt: Spitzelvorwürfe, Strafanzeige gegen das Innenministerium - der Koalitionshaussegen hängt derzeit ordentlich schief.

Pühringer: Klagen, Strafanzeigen, Ausscheren aus der Linie, Asylbetreuungsverordnung aufkündigen - das ist doch alles nicht neu. Diese Ausfälle waren schon immer ein Teil des Politstils von Landeshauptmann Haider. Die ÖVP geht mit ihrem Koalitionspartner auf jeden Fall immer fair um. Umgekehrt hat uns Jörg Haider nur ganz selten geliebt.

STANDARD: Jörg Haider scheint derzeit ganz besonders in Revanchestimmung zu sein. Muss sich die ÖVP jetzt vor einem Foul fürchten?

Pühringer: Die Rachegelüste sind auch nicht neu, die hat Jörg Haider immer wieder. Und die ÖVP hat damit Leben gelernt. Bei verbalen Entgleisungen, wie etwa dem Vergleich mit dem rumänischen Geheimdienst, hat Wolfgang Schüssel ihn ja umgehend in die Schranken gewiesen.

STANDARD: Hält die Koalition bis 2006 durch?

Pühringer: Ganz bestimmt. An Neuwahlen hat doch keiner Interesse, außer vielleicht die Opposition. Und deren Anliegen wird die Bundesregierung verständlicherweise kaum unterstützen.

STANDARD: Sie begehen heuer ihr zehnjähriges Amtsjubiläum. Gibt es Anzeichen von Amtsmüdigkeit oder vielleicht gar einen Kronprinzen?

Pühringer: Ich bin weder amtsmüde noch pensionsreif. Und wenn ich so in unsere Reihen der blicke, sehe ich unzählige Kronprinzen. (DER STANDARD-Printausgabe, 19.2.2005)

ZUR PERSON:

J. Pühringer (55), übernahm 1995 das Amt des oberösterreichischen Landeshauptmannes von Josef Ratzenböck. Der deklarierte Anhänger einer großen Koalition auf Bundesebene verweigerte Schwarz-Blau II im Frühjahr 2003 im ÖVP-Vorstand seine Zustimmung. 2003 schmiedete er nach der Landtagswahl die österreichweit erste Koalition zwischen VP und Grünen.
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    foto: standard/newald
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