"Sparminister" in Pariser Luxuswohnung

20. Februar 2005, 13:46
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Frankreich: Minister Gaymard logierte auf Staatskosten in 14.000-Euro-Apartment

So schnell vermiest man sich seinen Ruf. Hervé Gaymard, französischer Wirtschaftsminister, moralischer Saubermann und aufstrebender Jungstar der französischen Rechtspartei UMP, ist binnen weniger Tage zum Buhmann der Nation geworden.

Das Wochenblatt Canard Enchaîné enthüllte Mitte dieser Woche, dass der achtköpfige Familienvater in der teuersten Wohngegend von Paris eine 600-Quadratmeter-Wohnung auf zwei Stockwerken belegt. Kostenpunkt der Luxuswohnung: 14.000 Euro im Monat. Die Miete zahlt die Staatskasse.

Das wirkt umso perfider, als Gaymard den Franzosen wiederholt ausrichten ließ, dass sie den Gürtel wegen notwendiger Sparmaßnahmen enger schnallen müssen. In einem jüngst erschienenen Buch beschrieb er außerdem die ethische Vorbildfunktion eines Politikers. Keine Wunder, dass die Pariser Medien über den "Sparminister in der Luxuswohnung" höhnen.

Gaymard versuchte sich zunächst herauszureden, indem er angab, seine Großfamilie hätte in der Dienstwohnung im Wirtschafts- und Finanzministerium keinen Platz gehabt. Er selbst hätte sich nicht einmal um die Wohnungssuche gekümmert.

Zudem behauptete Gaymard auch noch, er habe nicht gewusst, dass in der Wohnung zusätzlich ein Butler, ein Koch, eine Gouvernante und eine mehrköpfige Putztruppe beschäftigt waren.

All die Beteuerungen halfen nichts. Bei der Regierung, wo man die Luxuswohnung vor Wochen wohl ohne längere Prüfung abgesegnet hatte, läuteten ohnehin sofort die Alarmglocken. Vor wenigen Jahren war der ehemalige Premier Alain Juppé über eine ähnliche Affäre gestolpert.

Premierminister Jean-Pierre Raffarin reagierte daher prompt: Er statuierte, dass ein Regierungsvertreter außerhalb seines Ministeriums nur noch eine Dienstwohnung von 80 Quadratmetern auf Staatskosten belegen dürfe. Was darüber hinausgeht, müssen die Minister selber berappen.

Gaymard muss sich also eine kleinere Wohnung suchen. Zerknirscht fügte sich der Minister. Die aktuelle Bleibe habe ihm ohnehin nicht zugesagt, meinte er wenig überzeugend. Auch drei andere, weniger kinderreiche Minister müssen nun eine neue Wohnung in Paris suchen – oder Zuschlag zahlen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20.2.2005)

Stefan Brändle aus Paris

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Le Canard Enchaîné


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    Frankreichs Wirtschaftsminister Hervé Gaymard schrieb ein Buch über "die ethische Vorbildfunktion eines Politikers".

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