Verdächtiger zu Tode gefoltert

20. Februar 2005, 13:57
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Menschenrechtler: In Afghanistan wurde nach Bekanntwerden des Abu-Ghraib-Skandals Beweismaterial vernichtet

San Diego - Bei den Ermittlungen zur Aufklärung des Abu-Ghraib-Skandals haben sich die Hinweise verdichtet, dass ein Gefangener in einer international geächteten Folterstellung ums Leben gekommen ist. Nach Informationen der Nachrichtenagentur AP geht es um den Tod des Irakers Manadel al Jamadi, vor dessen mit blauen Flecken übersäter Leiche sich grinsende Gefängnisaufseher James Graner mit hochgestrecktem Daumen fotografieren ließen.

Das Bild mit dem kürzlich wegen Misshandlung von Gefangenen zu zehn Jahren Gefängnis verurteilten und degradierten Unteroffizier Graner gehörte zu jenen Fotos, die vor einem Jahr den Skandal um Vorgänge im irakischen Gefängnis Abu Ghraib auslösten. Al Jamadis Tod wurde von Ermittlern als Tötungsdelikt eingestuft. Dokumenten zufolge, in die die AP Einsicht hatte, starb er mit auf dem Rücken gefesselten Händen, aufgehängt am vergitterten Fenster eines Duschraums. Die Position wird international als Folter eingestuft.

"No comment"

Weder der US-Geheimdienst CIA, zu dessen so genannten Geister-Gefangenen Al Jamadi gehörte, noch das Justizministerium in Washington waren zu einer Stellungnahme bereit. Der nach einem Anschlag in Bagdad von einer US-Spezialeinheit verhaftete Iraker starb am 4. November in Abu Ghraib. Nach Feststellung eines Pathologen hatte er mehrere gebrochene Rippen und starb an einem Druck auf seine Brust in Verbindung mit Atemschwierigkeiten. Der Pathologe stufte den Fall als Tötungsdelikt ein.

Einer der Militäraufseher, Jeffrey Frost, sagte aus, die Arme des Gefangenen seien auf eine Art und Weise gefesselt gewesen, die er noch nie zuvor gesehen habe. Er sei überrascht gewesen, "dass seine Arme nicht einfach aus den Höhlen herausbrachen". Er sei mit anderen zu Al Jamadi gerufen worden, nachdem ein Vernehmer gemeldet habe, der Gefangene kooperiere nicht. Als sie ihn losgebunden hätten, sei Blut aus seinem Mund gesprudelt "als ob ein Wasserhahn aufgedreht worden wäre".

Der Forschungsdirektor der Organisation Ärzte für Menschenrechte, Vincent Iacopino, bezeichnet die Überdehnung von Armen hinter dem Rücken "klar und eindeutig als Folter". Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte habe 1996 die Türkei in einem ähnlichen Fall der Folter für schuldig befunden. Diese Technik wird Iacopino zufolge weltweit angewandt.

"Heute wird der letzte Tag deines Lebens sein"

Al Jamadi wurde am 27. Oktober 2003 verhaftet. Aussagen und Gerichtsdokumenten zufolge wurde er mit einem Baseballschläger und einem Gewehrkolben geschlagen sowie mit einem Seil gewürgt. Ihm wurden die Arme ausgekugelt, die Nase gebrochen, eine ungeladene Pistole in den Mund geschoben und dann der Abzug durchgezogen, hieß es weiter.

"Heute wird der letzte Tag deines Lebens sein", habe man ihm beim Verhör gedroht Am 4. November wurde er morgens dem CIA übergeben; am Abend war er tot. Neun Mitglieder der SEAL-Einheit und ein Seemann wurden angeklagt. Bis auf zwei Leutnante erhielten alle Disziplinarstrafen. Ein Kriegsgerichtsverfahren gegen einen Leutnant beginnt im März, der andere muss sich noch einer Anhörung stellen.

"Task Force 20"

Den Akten nach erklärten US-Soldaten, eine gemeinsame Einheit des Militärs und des Geheimdienstes CIA namens Task Force 20 habe das Verhör geleitet. Ärzte hätten später unter anderem ein gebrochenes Bein und eine gebrochene Nase bei dem Gefangenen festgestellt. Das US-Heer habe die Ermittlungen schließlich eingestellt, nachdem die Vorwürfe "weder bewiesen noch widerlegt" hätten werden können.

Beweise vernichtet

Die amerikanische Bürgerrechtsorganisation ACLU veröffentlichte am Freitag Militärdokumente, denen zufolge in Afghanistan Fotos von Scheinhinrichtungen vernichtet wurden, nachdem der Skandal in Abu Ghraib bekannt geworden war. Der Vorgang zeige, dass die Praxis demütigender Verhörmethoden in den US-Streitkräften weiter verbreitet gewesen sein könnte als bisher angenommen.

Ermittlungen eingestellt

Weiter enthalten die Papiere Hinweise auf eine im Juli 2004 vom Heer sichergestellte CD-ROM mit Fotos von Gefangenen- Misshandlungen im Stützpunkt Fire Base Tycze im Süden Afghanistans. Die Bilder selbst wurden nicht veröffentlicht. Zudem gibt es Aussagen von hochrangigen Offizieren, nach denen US-Sondereinheiten im Mai 2004 in Afghanistan wahllos Zivilisten angegriffen hätten. Auch hier wurden die Ermittlungen eingestellt: Die mutmaßlichen Opfer lebten in einem Dorf in einer Region, die für Befragungen "zu gefährlich" sei, hieß es. (APA/AP)

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    Gefängnisaufseher James Graner mit der Leiche von Manadel al Jamadi.

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    Auch Militärpolizistin Sabrina Harman posierte mit der Leiche.

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