"Wir wollen eine Erweiterung der Volksschule auf fünf Jahre"

21. Juli 2006, 09:13
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Jürgen Stöttinger, Ob­mann der Schüler­union, fordert im derStandard.at- Interview eine Stärkung der Schul­partner­schaft und ein Modulsystem in der Oberstufe

derStandard.at: Viel zitierte Aufbruchsstimmung nach dem Bildungsgipfel: Glaubst Du, dass sich wirklich etwas ändert oder ist das nur "Gerede"?

Jürgen Stöttinger: Das sich etwas ändern wird, ist ja bereits bekannt. Aber was und wieviel ist die Frage. Das Ministerium hat viele Änderungen angekündigt, aber Informationen, wie diese Veränderungen aussehen werden gibt es kaum. Es stellt sich vor allem die Frage, wie weit diese Änderungen tatsächlich gehen. Ob sie nur mit geringstem Aufwand in das bisherige System implementiert werden um schließlich kaum etwas zu bewirken, oder ob es grundlegende Veränderungen werden, die auch eine entsprechende Verbesserung bewirken!

derStandard.at: Wie steht ihr zur Abschaffung der Zwei-Drittel-Mehrheit In Schulfragen?

Stöttinger: Die Schülerunion hat bereits 2003 der Ministerin einen Entwurf zum Österreich Konvent vorgestellt, aus welchem die Forderung zur Abschaffung der 2/3-Mehrheit hervorgeht. Die Ministerin hat diesen in den Österreich Konvent eingebracht und er findet sich schließlich auch im Entwurf wieder. Wir sind also für die Abschaffung der 2/3-Mehrheit, fordern aber gewisse Sicherheiten, zum Beispiel im Bereich der Schulgeldfreiheit bzw. Schulpflicht.

derStandard.at: Gusenbauers "Warnung" vor einer Möglichkeit der Einführung von Schulgeld: Politische Kampfrhetorik oder berechtigte Reklamation?

Stöttinger: Eher politische Kampfrhetorik. Auch bei den von uns abgelehnten Studiengebühren hieß es zwar zuerst, dass sie nicht kommen, aber was heute Realität ist, spüren alle Studentinnen und Studenten. Ich glaube aber nicht, dass man das vergleichen kann, denn im Schulbereich gilt die Schulpflicht und weiters machen die Europäische Menschenrechtskonvention und die völkerrechtliche Bindungen Österreichs eine Einführung von Schulgeld kaum möglich.

Dennoch sollte eine Regelung diese Fragen klar beantworten und zum Beispiel die Schulgeldfreiheit außer Frage stellen, die ja ohnehin, den Aussagen entsprechend, auch von der Regierung abgelehnt wird. Warum also sollte diese etwas dagegen haben, dies zu verankern?

derStandard.at: Stichwort Schulpartnerschaft - Seid ihr zufrieden damit, was würdet ihr ändern?

Stöttinger: Schon die Art unds Weise, wie der Bildungsgipfel veranstaltet wurde zeigt, dass wir nicht zufrieden sein können. Auf über 70 Experten entfielen nur 2 Schülervertreter aus den Schülerorganisationen. Eigentlich unfassbar, wenn man bedenkt, dass es in Österreich etwa 1,2 Millionen Schülerinnen und Schüler gibt, die dazu noch eine in Europa vergleichsweise fortschrittliche Schülervertretung haben, welche pro Bundesland 3 Landesschulsprecher ermöglicht.

Hier hätte man der Schülervertretung ein Kontingent ermöglichen müssen, denn was soll die Aufgabe eines Schülervertreters sein, wenn nicht die Vertretung der Anliegen der Schülerinnen und Schüler bei zum Beispiel einem Bildungsgipfel?

Schulpartnerschaft muss wesentlich an Kompetenz gewinnen: Direkt an der Schule, sowie auch überregional. Wir fordern hier, u.a. das Landesschulratskollegium durch einen Landesschulgemeinschaftsausschuss zu ersetzen. Das würde die Schulpartnerschaft stärken. An der Schule müssen die Schulpartner auch mehr in Personalfragen eingebunden werden.

derStandard.at: Stichwort Gesamtschule - Ja oder Nein? Und Warum?

Stöttinger: Wir fordern eine Erweiterung der Volksschule auf 5 Jahre. Außerdem soll vor Eintritt in die Volksschule ein sogenanntes "Screening" stattfinden, in welchem festgestellt werden soll, ob ein Kind in einem Bereich Defizite aufweist. Wenn ja, soll dieses Kind bis zum Schuleintritt kostenlos einen Kurs besuchen können, um diese Defizite ausmerzen zu können.

Nach der Volksschule soll weiterhin das differenzierte Schulsystem bestehen bleiben, da es besser auf die individuellen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler eingehen kann. Viel wichtiger und vor allem entscheidender für die Qualität der Ausbildung sind die nötigen Reformen im Bereich der Qualitätsentwicklung und Lehreraus- und -fortbildung.

derStandard.at: Stichwort Ganztagsschule - Ja oder Nein? Und Warum?

Stöttinger: Für uns ist es wichtig, keine verpflichtenden Ganztagsschulen einzusetzen. Die Eltern sollten wählen können, ob ihr Kind eine Schule mit einem Nachmittagsbetreuungsangebot oder eine herkömmliche Schule besuchen soll. Das Angebot am Nachmittag kann auch konkret für eine individuelle Förderung genutzt werden. Der Nachmittag soll also neben Freizeitangebot, Hausübungen, Lerngruppen auch konkret auf die Schülerinnen und Schüler zugehen, die eine entsprechenden Förderung brauchen oder wollen.

derStandard.at: Wie steht ihr zu verpflichtenden Deutschkursen für MigrantInnenkinder?

Stöttinger: Wir denken, verpflichtende Deutschkurse nur für MigrantInnenkinder sind nicht förderlich. Es macht keinen Sinn irgendwelche Kurse an der Herkunft der Kinder zu orientieren. Das schürt höchstens Vorurteile. Sinnvoll sind Kurse für alle Kinder, egal welcher Herkunft, bei denen in einem "Screening" vorab etwaige Defizite, nicht nur im sprachlichen Bereich, festgestellt werden. So können auch MigrantInnenkinder schon während sie auf die Anforderungen des Schulalltags vorbereitet werden sozial integriert werden.

derStandard.at: Schule ohne Noten - Horrorvision oder Wunschtraum?

Stöttinger: Die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler, und so auch wir, sprechen sich klar für Noten aus. Wir bekennen uns klar zu Leistung. Was sich verändern muss, ist das Bewusstsein zum Unterricht. Der Unterricht endet nicht am letzten Schultag, sondern am letzten Tag der Notengebung. Das kann und darf nicht sein, denn wenn Schule ein Lebensraum wäre, in dem Leistung fair honoriert wird, dann würde das nicht passieren.

Leider gibt es immer wieder Lehrerinnen und Lehrer - wenn auch nur in Einzelfällen - die Noten benutzen, um Druck auszuüben. Es muss selbstverständlich werden, dass Lehrerinnen und Lehrer zu Beginn des Schuljahres mit den Schülerinnen und Schülern gemeinsam klare Kriterien definieren, wie die Schülerinnen und Schüler zu einer guten Note kommen und was von ihnen erwartet wird und welche Bereiche welche Wertigkeit in der Notengebung haben (Mitarbeit, schriftliche Arbeiten, etc.). Darüber hinaus soll auf Wunsch des/der SchülerIn, dieser ein Feedback, also eine verbale Beurteilung, zur Note bekommen.

derStandard.at: Denkst Du, dass der Druck, der auf SchülerInnen heute lastet, zu groß ist?

Stöttinger: Ich glaube man kann hier nicht verallgemeinern. Manche Lehrerinnen und Lehrer üben zum Beispiel anhand der Note Druck auf Schülerinnen und Schüler aus. Das sind Einzelfälle, die sich im aktuellen System nur schwer ausschließen lassen. Hier ist es unbedingt notwendig, eine soziale und psychologische Betreuung vor Ort einzusetzen. An der Schule soll es als Ansprechpartner Mediationspeers geben, die vor allem wissen, wo die entsprechenden Stellen sind, bei denen Schülerinnen und Schüler Hilfe bekommen können.

Darüber hinaus soll mindestens einmal wöchentlich ein Psychologe an der Schule als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Um langfristig etwas gegen Lehrerinnen und Lehrer zu unternehmen, die häufig auffallen und offensichtlich überfordert sind, soll die Schule die Möglichkeit bekommen, das Dienstverhältnis zu kündigen. Dabei sollen auch die Schulpartner, also der Schulgemeinschaftsausschuss, mehr Kompetenzen erhalten.

derStandard.at: Was haltet ihr von Schulmodellen mit Modulsystemen?

Stöttinger: Ich bin klar für ein Modulsystem in der Oberstufe (ab der 10. Schulstufe). Die Schülerinnen und Schüler haben hier die Möglichkeit, ihre Schwerpunkte selbst zu setzen. Wichtig dabei ist, dass es auch einen verpflichtenden Regelunterricht für allgemeinbildende Fächer und Sprachen gibt, für welche wiederum vertiefend freiwählbare Module existieren.

derStandard.at: Was würdet ihr an den Fächern/Lerninhalten verändern? Welche sind überbewertet/zu umfangreich?

Stöttinger: Besonders wichtig ist, dass die Schule Schlüsselkompetenzen, wie Kommunikationsfähigkeit und Persönlichkeitsentwicklung, ausreichend vermittelt bzw. fördert und sollte sich auch deshalb vielmehr auf diese konzentrieren. Weitere Stundenkürzungen sind auch kontraproduktiv, wie es schließlich auch die letzte war, durch welche großteils allgemeinbildende Fächer und vor allem auch beim Turnunterricht gekürzt wurde. Um die Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler zu fördern und auch eine bessere Schwerpunktsetzung zu ermöglichen, sollte das Modulsystem flächendeckend an Oberstufen umgesetzt werden.

derStandard.at: Eure Vorstellungen zur LehrerInnenausbildung?

Stöttinger: Die LehrerInnenausbildung muss wesentlich besser auf den verantwortungsvollen Beruf LehrerIn vorbereiten. Vor allem der pädagogische, aber auch der didaktische Bereich müssen wesentlich stärker vermittelt werden und vor allem wesentlich praxisorientierter sein. Außerdem sollen angehende LehrerInnen sobald als möglich ein Praktika absolvieren müssen. Ähnlich wie das in Innsbruck schon passiert ("Schratz-Modell" der Uni Innsbruck). Dort ist nicht ohne Grund die Studienabbrecherquote beim Lehramt die höchste, welche in diesem Zusammenhang durchaus positiv ist!

derStandard.at: Die immer wieder geäußerte Kritik an Lehrern, deren Arbeitszeit und Motivation - berechtigt oder Vorurteil?

Stöttinger: Das liegt am Engagement des/der LehrerIn! Es gibt sicherlich Lehrerinnen und Lehrer, die einen Fulltimejob haben, da sie so engagiert sind, wie man es von ihnen erwartet. Leider gibt es aber immer wieder Lehrerinnen und Lehrer, die nur wenig über das Nötigste hinaus tun. Das sind Einzelfälle, die schließlich den ganzen LehrerInnenberuf in ein falsches Licht rücken.

Ich glaube, man kann den LehrerInnen im Zeitraum der Ferien durchaus mehr abverlangen, darüber hinaus wird man über eine Evaluierung erheben müssen, welche Lehrerinnen ihre Arbeit ausreichend machen und welche nicht. Schließlich ist es also eine Mischung aus Vorurteilen und vereinzelt berechtigten Vorwürfen. Wichtig ist, dass Lehrerinnen und Lehrer, die sich in ihrem Job nicht wohlfühlen, das bereits in der Ausbildung erkennen können oder entsprechende Aus- und Umstiegsmöglichkeiten haben. Das öffentliche Ansehen muss auch steigen, das motiviert LehrerInnen und steigert letztlich die Qualität des Unterrichts.

derStandard.at: "Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir" - Einverstanden mit dem Zitat?

Stöttinger: Einverstanden ja, aber die Praxis ist oft eine andere. Wie gesagt, das Bewusstsein zum Unterricht muss sich ändern. Es kann und darf nicht sein, dass Schülerinnen und Schüler nur punktuell auf Tests oder Schularbeiten lernen. Hier sind auch die Lehrerinnen und Lehrer gefragt, die schon in ihrer Ausbildung vermittelt bekommen müssen, dass es nicht zentral darum geht, den/die SchülerIn im Schema 1-5 unterzubringen, sondern ihm/ihr etwas beizubringen und die erbrachte Leistung im Unterricht, sowie bei diversen Arbeiten und Projekten, zu beurteilen.

derStandard.at: Was unterscheidet euch, eurer Meinung nach, am meisten von der AKS?

Stöttinger: Im Grunde unterscheidet uns gar nicht so viel, wie manche glauben. Immerhin setzen wir uns ja für die gleiche Sache ein. Leider funktioniert die Zusammenarbeit, zum Beispiel in der Bundesschülervertretung dennoch nur mäßig, obwohl es, selbst inhaltlich, durchaus Übereinstimmungen gibt. Klare Unterschiede gibt es im Leistungsverständnis: Wir glauben nicht, dass eine Schule, die keine Leistung fordert auf das Berufsleben vorbereitet, das wäre blauäugig. Weiters sind wir nicht der Meinung, dass die Veränderung der Schulorganisation gravierenden Einfluss auf die Qualität des Unterrichts hat.

derStandard.at: Wenn ihr ad hoc drei Dinge im Bildungssystem ändern könntet, welche wären das?

Stöttinger: Einerseits muss die Qualitätsentwicklung der Schule sichergestellt werden. Das heißt, SchülerInnen geben LehrerInnen Feedback, aber auch LehrerInnen dem Direktor und dieser an weitere Schulinstanzen, was schließlich zu einer Gesamtevaluation führt. Zusätzlich werden Schulen durch dafür geeignetes Personal inspiziert. Daraus ergeben sich Schulbilanzen, eine Kontrolle der Bildungsstandards und Defizite und Schwächen werden sichtbar und können ausgemerzt werden.

Außerdem müssen die LehrerInnenaus- und -fortbildung wesentlich verbessert werden. Hierbei sind eine klare Verbesserung im pädagogischen und didaktischen Bereich, sowie Praktika kurz nach Studienbeginn besonders wichtig. Im Schulleben müssen die Schulpartner mehr Kompetenzen erhalten.

Statt Landesschulratskollegien ein Landesschulgemeinschaftsausschuss und wesentlich mehr Kompetenzen bei Personalfragen, das heißt Mitbestimmung bei der Bestellung von LehrerInnen, sowie Möglichkeit zur Kündigung des Dienstverhältnisses, um nur das Wichtigste zu nennen. Besonders wichtig ist auch, dass SchülervertreterInnen in die Erarbeitung von Reformen miteingebunden werden. Das ist weder bei der Entwicklung von Reformen so, noch war es das bei der Zukunftskomission und leider ist die Einbindung der Schülerinnen auch bei diversen anderen Gipfeln nicht selbstverständlich!

Weitere Forderungen im Bildungsprogramm unter www.schuelerunion.at

Interview mit der AKS-Vorsitzenden Kim Kadlec

Die Interviews führte Anita Zielina
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    foto: privat
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