Umstrittene Zeichen der alten Götter

23. Februar 2005, 00:47
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Historiker behaupten: Geheimnisvolle Induskultur habe gar keine Schrift gehabt

Boston - Wer Geschirr zerschlägt, schafft sich keine Freunde. Noch dazu, wenn es sich um den heiligen Gral einer Wissenschaftsdisziplin handelt. Doch daran dachte der Historiker Steve Farmer aus Kalifornien nicht, als er auf einem Kongress in Boston behauptete, die unentzifferte Schrift der geheimnisvollen Induskultur sei gar keine.

Die Zivilisation war vor 4000 Jahren in Teilen des heutigen Pakistan und Indien beheimatet. Sie gehört mit den Ägyptern und Sumerern zu den drei großen Hochkulturen der Frühzeit. Farmers These bewirkte einen Aufschrei im Kreis der versammelten Gelehrten, doch der Renegat hält an seiner Ansicht fest. Und bekommt Unterstützung.

Ägyptologen haben Pyramiden, Königsgräber und Hieroglyphen für ihre Forschungen. Experten für die Sumerer graben an Euphrat und Tigris die ältesten Städte der Menschheit aus, rekonstruieren anhand von Keilschriften das Auf und Ab des Großreichs. Indusgelehrte hingegen müssen ohne lesbare Texte oder Monumentalbauten auskommen. Bisher fanden Archäologen nur Reste einer friedlichen und nüchternen Kultur.

Hartnäckig verweigert

Die Straßen ihrer Großstädte sind im Schachbrettmuster geplant, die schlichten Häuser verfügen über ausgeklügelte Bewässerungssysteme und Kanalisationsanlagen. Und schließlich finden sich Fragmente einer Schrift, die sich hartnäckig verweigert - seit 130 Jahren. Solange haben zahlreiche Dechiffrierer versucht, den Code der teils bildhaften, mehrheitlich jedoch abstrakten Zeichen zu knacken, um in ihnen jene Antworten zu finden, die kulturhistorische Schutthaufen allein nicht liefern können.

Im Electronic Journal of Vedic Studies legen Steve Farmer und zwei neue Mitstreiter, der deutsche Indologe Michael Witzel von der Universität Harvard und der Computerlinguist Richard Sproat von der Universität Illinois, dar, warum sie das Rätsel der Indusschrift für eine Schimäre halten: Die erhaltenen Zeichenfolgen seien zu kurz, um eine Schrift darzustellen. Dazu entsprächen die Häufigkeiten einzelner Zeichen nicht jenen Mustern, die allen bekannten Schriften eigen sind. Also schlägt das Trio vor, die Zeichen nur als Symbole zu sehen, die dem Gebrauch von Wappen entsprächen oder rituelle Bedeutung hätten.

Angesichts der weit gehend nur auf Steinsiegeln, Tontäfelchen, Töpferware und Amuletten vorkommenden mysteriösen Symbole berufen sich Vertreter der Schrifthypothese vor allem auf den optischen Eindruck. "Allein die lineare Struktur und die Anzahl genormter Zeichen erinnern schon an Schrift", sagt der Indusgelehrte Bryan Wells. Die Zahl der Zeichen ist freilich umstritten. Der indische Archäologe S. R. Rao zählt 20, Wells kommt auf mehr als 600, die meisten Schätzungen gehen von 300 bis 400 aus.

Ungültige Kreditkarten

Was fehle, sei ein Rosetta-Stein, jene mit Hieroglyphen und griechischen Lettern beschriftete Gesetzestafel, die es Anfang des 19. Jahrhunderts mit einem Schlag erlaubte, die Sprache des alten Ägypten zu entziffern: "Ohne einen solchen Fund", erklären Schriftanhänger wie der Archäologe Mark Kenoyer von der Universität Wisconsin frustriert, "werden wir die Indusschrift nie verstehen." Farmer und Kollegen beeindruckt solches Selbstmitleid wenig: Die Inschriften umfassten im Schnitt fünf Zeichen, selbst die längste zähle nur magere 17. Nicht gerade viel Platz, um Geschichten zu erzählen.

Auf den Einwand, die Menschen vom Indus hätten auf längst verrotteten Papyrusblättern oder Stoff geschrieben, antworten die Skeptiker, dass bisher keine Schreibwerkzeuge aufgetaucht seien. Die meisten Zeichen, folgern Farmer und Team, würden wohl alte Götter repräsentierten, rituellen Zwecken gedient oder den Besitz einflussreicher Familien markiert haben. Vielleicht waren manche Tafeln auch eine Art Gutschein: Viele finden sich nicht in Häusern oder auf Marktplätzen, sondern zerbrochen auf Abfallhalden: So, als wären sie plötzlich ungültig geworden. Wie Kreditkarten. (DER STANDARD, Print, 18.2.2005)

Hubertus Breuer
  • Tönerne Zeugen der Induskultur: Sind die Zeichen Schrift oder Symbol für Götter? Ein Expertenstreit.
    foto: ind. nat.museum

    Tönerne Zeugen der Induskultur: Sind die Zeichen Schrift oder Symbol für Götter? Ein Expertenstreit.

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