Wien muss endlich Donezk werden

18. Februar 2005, 12:44
2 Postings

Bis zum Spiel am kommenden Donnerstag wird fleißig abgerechnet und nach Schuldigen gesucht

Wien - Es hat halt nicht sein sollen, könnte man sagen. Oder man könnte auch "Wenn der Herrgott net will . . ." ansummen. Lustiger ist es natürlich, die Schuldigen für die Blamage des abgesagten UEFA-Cup-Spiels zwischen Austria und Bilbao zu suchen. Also suchte man eifrig und fand auch reichlich.

Natürlich war einmal Schiedsrichter Alon Yefet dran, der 45 Minuten vor dem geplanten Anpfiff den Eislaufplatz im Ernst-Happel-Stadion für nicht bespielbar erklärte. "Die Letztverantwortung war eine zu große für eine Persönlichkeit, wie sie der Israeli war", sagte gestern ein leicht hohlwangiger Austria-Manager Markus Kraetschmer.

Gut, der Mann hat einen Kommissionierungstermin am Nachmittag im Hotel verschlafen. Und er hat um 16 Uhr in Übereinstimmung mit dem türkischen UEFA-Delegierten Metin Kazancioglu darauf bestanden, dass der Platz gänzlich vom Schnee geräumt werden muss, obwohl auf Schneeboden durchaus gespielt hätte werden können. Das lehrt die Erfahrung, über die beide Herren leider nicht verfügten. Kraetschmer: "Darauf hätten wir mehr drängen müssen, durch das Räumen haben wir dann den Rasen selbst unbespielbar gemacht."

Schuld ist natürlich auch die europäische Fußballunion (UEFA), die Vorschriften erlässt, die es dem Referee ermöglichen, ein Spiel quasi bis zum Anpfiff noch abzusagen. Anreisende Fans, ob sie jetzt per Tagesflieger aus dem Baskenland oder im Schneechaos aus Waidhofen/Ybbs kommen, sind der UEFA egal. Immerhin sollen jene Austria-Fans, die am Donnerstag nicht noch einmal ins Happel-Stadion anreisen können/wollen, einen Gutschein im Wert der gekauften Karten erhalten.

"Das Reglement sollte eine mehrstündige Absagefrist vorsehen", sagte Kraetschmer, der Regressforderungen gegen die UEFA überlegt. "Ein zweiter Versuch kostet uns rund 160.000 Euro mehr." Sein Problem: Der türkische Delegierte wird in seinen Bericht schreiben, dass die Austria zu wenig für die Rettung des Spiels unternommen hat. "Eine Frechheit", so Kraetschmer.

Substandard

So rund 20.000 Euro könnte die Austria natürlich auch von der Stadt Wien fordern, dem Stadionbetreiber, der diese Summe als Miete kassiert und dafür die Durchführung des Spiels garantieren sollte. Noch Dienstagvormittag war der Rasen schneefrei, die Wettervorhersagen dafür aber eindeutig. Eine Spielfeldabdeckung für die viel gepriesene "Fünf-Sterne-Hütte" Happel-Stadion gibt es nicht. Rasenheizung? Nicht einmal denken, das ist etwas für Weltstädte wie Donezk in der Ukraine, wo am Mittwoch problemlos gespielt wurde. Dafür wird im Happel-Stadion an einem VIP-Klub gebaut, es kommt ja die EURO 2008, eine Sommerveranstaltung. Der nächste Winter kommt aber auch bestimmt, weshalb schon jetzt erkundet wird, was so eine Rasenheizung kostet.

Inzwischen sind die Schneeräumkräfte ins Horr-Stadion umdirigiert worden, wo die Austria am Sonntag gegen den GAK spielen soll. Rasenheizung gibt es auch dort keine. Austrias Sportdirektor Günter Kronsteiner hofft auf ein Match, "weil wir die Praxis dringend brauchen". Trainieren ist derzeit kaum möglich. "Wir hüpfen nur im Schnee herum, es ist einfach verheerend. (Sigi Lützow, DER STANDARD Printausgabe 18. Februar)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Schau genau: Der Mann hat eine Rapid-Jacke an.

Share if you care.