Der Swingerparkplatz

21. Februar 2005, 17:04
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Es war gestern. Irgendwann fragt einer, ob es den Parkplatz eigentlich noch gibt...

Es war gestern. Wieder einmal. So wie alle heiligen Zeiten. Irgendwann fragt einer, ob es den Parkplatz eigentlich noch gibt. Und dabei zwinkert er – selten ist es auch eine sie – so mit den Augen, dass kein Missverständnis möglich ist: Ja genau, DER Parkplatz. Und dann erinnern sich alle. Zumindest ein bisserl.

Das Problem mit dem Parkplatz ist, dass alle immer nur behaupten, ihn früher gekannt zu haben. Und auch dort gewesen zu sein. In dem, was heute unter „unsere wilden Jahre“ archiviert ist. Also jenes Surrogat von eigenen und angeeigneten Abenteuern, das so lange geschönt wurde, bis sogar der Erzähler selbst nicht mehr weiß, was davon echte und was gewünschte Erinnerung ist.

Südautobahn

Der Parkplatz ist so ein kollektives Erinnerungsstück: Irgendwo auf der Südautobahn. Wann? Damals. Welcher? Der dritte. Der vierte. Oder der zweite. Auf alle Fälle ein Treffpunkt. Geheim. Alle wussten das. Das vom Parkplatz- Swingerclub. Aber er hatte Niveau. Was immer das sein mag – wer fragt, outet sich da als prüde und ergo außenstehend.

Und weil beim niveauvollen Swingen Diskretion Ehrensache ist, würde keiner je sagen, wen er dort gesehen (oder eben nicht gesehen) hat: Andeutung genügt – gerade nach so vielen Jahren.

Heiße Story

„Gibt es den Parkplatz noch“, fragte gestern einer. Dann wurden (Nicht-)Erinnerung kollektiv aufgefrischt und aufgetischt. Heute Mittag hat dann das Telefon geläutet. Einer aus der Runde hatte seine Freundin dabei gehabt. Die übt gerade bei einem lustigen TV-Magazin. Sie hatte am Abend ganz besonders gut zugehört – und wollte jetzt mehr wissen. Eh klar: Vertraulich.

Wir haben sie auf den dritten Parkplatz geschickt. Einfach so. Wenn die gute Frau nicht völlig unfähig ist, gibt es demnächst also eine heiße exklusive Enthüllungsreportage. Mit abgedeckten Nummerntafeln, verzerrten Stimmen und abgedeckten Gesichtern. Authentisch. Unwiderlegbar. Die Story wird dann auf Reisen gehen. So wie jedes mal.

Wir finden das schön. Schließlich muss der Mythos ja auch für die nächsten Generationen am Leben erhalten bleiben. Und vielleicht ist ja sogar was Wahres dran. Aber das ist in Wirklichkeit gar nicht so wichtig.

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von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.
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