Möglichst eine Story hinter den Bassnoten

24. Februar 2005, 19:10
3 Postings

Niels-Henning Ørsted Pedersen gastiert bei den "Bass Encounters"

Wien – "Es hat lange gebraucht, bis ich mich wirklich als Bassist gesehen habe. Vielleicht weil mein familiärer Background ein anderer ist, eher ein akademisch-pädagogischer. Erst mit etwa 50 konnte ich mich selbst als Musiker akzeptieren." Unerwartete Worte aus dem Munde jemandes, der nicht eben als Hobby-Musikant bekannt ist.

Schließlich: Niels-Henning Ørsted Pedersen gilt als einer der großen Bass-Virtuosen der Jazz-Gegenwart, der als einer der wenigen Europäer dies- und jenseits des Atlantischen Ozeans gleichermaßen Respekt genießt. Für NHØP – so der zum Markenzeichen gewordenen Akronym – kein Grund, die Distanz zu sich selbst aufzugeben.

Es sei für ihn nämlich die wichtigste Voraussetzung eines Jazzbassisten, "zuhören zu können, zu reagieren, im Moment da zu sein." Denn: "Mich selbst hat meine Technik nie beeindruckt, mir geht es um die Story hinter den Noten. Viele junge Musiker beeindrucken kurzfristig und verschwinden dann wieder von der Bildfläche – vielleicht, weil sie einfach nichts zu sagen hatten."

Sagt's und ruft einen seiner prominentesten Arbeitgeber als Zeugen auf: "Als Oscar Peterson nach seinem Schlaganfall die linke Hand nur mehr eingeschränkt bewegen konnte, sagten alle: 'Er war für seine Technik bekannt, also ist es nun vorbei mit ihm.' Nein, sein Spiel ist stärker als jemals zuvor – weil er nicht mehr einfach beeindrucken kann durch seinen Virtuosität. Nun spielt er die Balladen, wie er sie noch nie gespielt hat!"

Dominanter Peterson

Zur bald 80-jährigen Pianisten-Legende pflegt der dänische Bassist seit dem Jahre 1971 ein spezielles Verhältnis. Denn der Kanadier verzieh ihm nie ganz, dass er anlässlich des ersten Engagements nach drei Tourmonaten die Band wieder verließ, um bei seiner frisch angetrauten Ehefrau in Kopenhagen zu verweilen – und wollte dennoch nicht auf ihn verzichten.

"Peterson ist eine taffe, dominante Persönlichkeit – aus seinem Quartett steigt man nicht aus, er feuert dich! Heute weiß er, dass ich nicht länger als einen Monat auf Tour sein möchte. Im Fall einer längeren Tour werde ich gefragt, welches Monat ich spielen will." Dass NHØP gerne in der Heimat weilt, das hat nicht nur mit seiner Eigenschaft als Familienmensch zu tun, sondern paradoxerweise auch mit seinem Hang zur musikalischen Unstetigkeit:

Bereits als 17-Jähriger erreichte ihn 1963, damals bereits seit 2 Jahren (!) Hausbassist im berühmten Montmarte-Club in Kopenhagen, ein Angebot von Bigband-Leader Count Basie. NHØP lehnte ab: „Ich wäre für die meiste Zeit des Jahres unterwegs gewesen, hätte immer mit denselben Leuten gespielt. Mein Vorteil im Montmartre war, dass ich einen Monat mit Dexter Gordon spielen konnte, dann einen mit Roland Kirk, davor mit Bud Powell, Freddie Hubbard oder Sonny Rollins! Egal, in welche Band ich in den USA eingestiegen wäre – selbst bei Miles Davis. Ich hätte nie die Möglichkeit dieser 'Ausbildung' gehabt."

Wie NHØP die vieldiskutierte Emanzipation des Jazzbasses beobachte, die die Meister jenes Instruments vom oft nur wenig bedankten "Rhythmusknecht" im Bühnenhintergrund nach vorne ins solistische Rampenlicht hat rücken lassen? "Natürlich gibt es diese Emanzipation, auch ich spiele heute Solokonzerte. Andrerseits passiert es immer noch, dass meine Bands, sobald ein Pianist mitwirkt, als 'Klaviertrio' angekündigt werden."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.2.2005)

Von
Andreas Felber

Bis 19. 2. im Porgy & Bess: Konzerte und Workshops mit Wayne Darling, Niels-Henning Ørsted Pedersen, Duncan McTier, Rufus Reid, Dieter Ilg, Miroslav Vitous, Barre Phillips

  • Niels-Henning Ørsted Pedersen
    foto: standard/urban

    Niels-Henning Ørsted Pedersen

Share if you care.