"Phase der Ungewissheit hat begonnen"

18. Februar 2005, 18:49
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Endzeitstimmung in Rom: Der Vatikan tut sich zunehmend schwer im Umgang mit der Krankheit von Papst Johannes Paul II.

Der Belagerungszustand ist aufgehoben, der quirlige Tross der Journalisten zu anderen Schauplätzen weitergereist. Vor dem Gemelli-Krankenhaus ist alles wie immer: hupende Autos, fuchtelnde Polizisten, hektische Besucher. In das Zimmer mit den verblichenen Sonnenblenden im 10. Stock sind anonyme Patienten eingezogen. Von den Terrassen mit Blick auf die gleißende Kuppel des Petersdoms, für deren Nutzung große Fernsehanstalten seit Jahren hohe Summen auf den Tisch blättern, sind die Satellitenschüsseln verschwunden.

Die Diskussionen um den Gesundheitszustand des Papstes sind verstummt. Im Vatikan wird mit aufdringlicher Beflissenheit Normalität zelebriert. Doch für die Experten steht fest: Der jüngste Krankenhausaufenthalt des Papstes war mehr als ein deutliches Alarmsignal.

Für Marco Politi, den bekanntesten der römischen "Vatikanisten", hat nun die "Phase drei" begonnen. "Die erste war jene des schwungvollen neuen Papstes, in der zweiten wurde er für die Energie bewundert, mit der er sein Amt trotz der Krankheit weiterführte. Jetzt hat die Phase der Ungewissheit begonnen, des permanenten Risikos, des unkalkulierbaren Gebrechens", urteilt Politi im Gespräch mit dem STANDARD.

"Die akuten Erstickungsanfälle, die zur sofortigen Einlieferung des Papstes ins Krankenhaus führten, haben aller Welt vor Augen geführt, wie prekär sein Gesundheitszustand ist", meint der Autor des bei Bertelsmann erschienenen Buches "Seine Heiligkeit".

Es war Politi, der Kardinal Angelo Sodano jene Anspielung auf einen möglichen Papst-Rücktritt entlockte, die eine Serie von Spekulationen zur Folge hatte. "Entlockt ist ein irreführender Begriff", korrigiert der Vatikanist der Tageszeitung La Repubblica. "Er hat es in vollem Bewusstsein gesagt."

"Geschmacklos"

Der Hinweis des einflussreichen Staatssekretärs, man müsse die Entscheidung über einen Rücktritt dem Papst selbst überlassen, genügte, um lebhafte Diskussionen auszulösen. Während der Vorsitzende der Bischofskongregation, Kardinal Giovanni Battista Re, Spekulationen um einen möglichen Rücktritt als "geschmacklos" ablehnt, sieht sein argentinischer Kollege Jorge Mejía in der Abdankung "eine konkrete Möglichkeit".

Für den Pariser Erzbischof Jean Marie Lustiger kann "die Schwäche des Papstes auch ein Zeichen der Stärke sein". Um die Kirche zu führen, müsse er "kein Schwarzenegger sein".

Besonders das polnische Gefolge des Papstes wertet bereits eine Anspielung auf einen Rücktritt als Sakrileg. Auch Avvenire, die Tageszeitung der italienischen Bischofskonferenz, ist eifrig bemüht, jede Diskussion in diese Richtung bereits im Keim zu ersticken. Marco Politi ist davon überzeugt, dass ein undatiertes Rücktrittsschreiben des Papstes bereits existiert: "Auch Pius XII, hatte eines geschrieben. Allerdings haben wir erst Jahrzehnte später davon erfahren."

Der Gedanke, ein so medienwirksamer und viel gereister Papst wie Johannes Paul II. könne "einfach weitermachen", obwohl er nicht mehr zu den Gläubigen sprechen könne, scheint Politi unrealistisch: "Wir sind nicht mehr im Mittelalter, wo der Papst in seinem Palast lebte und mit Verordnungen regierte."

Drei Varianten

Für die Nachfolge von Karol Woytila sieht Politi "drei Varianten": eine italienische, eine lateinamerikanische und eine deutsche. "Ein Italiener kommt natürlich immer infrage. Sie sind erfahrene Diplomaten und Vermittler uns ausgezeichnete Kenner des Vatikans."

Die lateinamerikanische Variante hält Politi "im Augenblick für nicht sehr wahrscheinlich". Viel eher denkbar sei, dass das Konklave angesichts vieler aufgeschobener Reformen vom Zölibat über aktuelle ethische Fragen bis hin zur Kollegialität sich für eine "starke und charismatische Persönlichkeit" entscheide: den deutschen Kurienkardinal Joseph Ratzinger.

Ratzinger könne die "absolute Monarchie im Vatikan beenden und eine Dezentralisierung einleiten", meint der Vatikanist – wegen seines hohen Alters zudem ideal für ein Übergangspontifikat. Das US- Nachrichtenmagazin Time geht einen Schritt weiter: Ratzinger könnte sogar bereit sein, "den Job nach ein paar Jahren wieder abzugeben". (DER STANDARD, Printausgabe, 18.1.2005)

Gerhard Mumelter aus Rom
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    Niemand weiß angeblich mehr über die Gesundheit des Papstes als Stanislaw Dziwisz, sein langjähriger persönlicher Sekretär. Erzbischof Dziwisz hatte Johannes Paul II. bereits nach dem Attentat 1981 auf dem Weg ins Krankenhaus begleitet.

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