Wohllebenskünstler in der Armutsfalle

20. Februar 2005, 19:56
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Regisseur Falk Richter im Interview über Jelineks Wilde-Übersetzung "Bunbury" am Akademietheater

Regisseur Falk Richter inszeniert mit Elfriede Jelineks Wilde-Übersetzung "Ernst ist das Leben (Bunbury)" ein Stück über die Oberflächen des Lebens: Premiere am Freitag, 18.2. 19.30 Uhr, im Akademietheater. Im Gespräch mit Ronald Pohl umreißt er die Paradoxa des schönen Scheins.


STANDARD: Die Oscar-Wilde-Lebemänner Jack und Algernon benutzen für ihre erotischen Umtriebe das Zeitwort "bunburysieren". Was versteht man darunter - außer der Laune, für ein funkelndes Bonmot die eigene Schweigermutter umzubringen?

Richter: Erst einmal ganz einfach: dass man nach Vorgabe einer falschen oder erfundenen Identität in die Realität eines anderen einbricht und eine neue herstellt. Das ist es, was Algernon (Michael Maertens; Anm.) Spaß macht, was den Inhalt seines Lebens bestimmt. Das Stiften von Verwirrung! Es gibt zwei Arten von Doppelleben: Das bürgerliche des Friedensrichters Jack (Roland Koch), der am Land ein anständiger, moralischer Mensch ist und in der Stadt die Sau rauslässt. Algernon geht offensiv damit um – er "bunburysiert", wie Elfriede Jelinek den Begriff gleich mehrfach benutzt.

Er entzieht sich gesellschaftlichen Verpflichtungen, indem er einen kranken Bruder erfindet, von dem er vorgibt, er müsse sich um ihn kümmern. Er sagt aber auch, "Das ist ein Super-Bunbury!", nachdem er das ganze Szenario der romantischen Verliebtheit seines Freundes und seiner Kusine hintertrieben hat. Es macht ihm Spaß, wenn alles schief läuft.

STANDARD: Um welche Einsätze spielen diese Figuren?

Richter: Bei Oscar Wilde vor hundertzehn Jahren war die Gesellschaft noch ganz fest viktorianisch festgezurrt. Jelinek beschreibt eigentlich etwas Hyperkomödiantisches: Eine Gesellschaft lebt nach Moralvorstellungen, die keine der Figuren mehr beschreiben könnte. Das erzeugt ein‑ ständiges Überfordertsein: Zur Verwechslungskomödie Wildes kommt bei Jelinek die zusätzliche Verwirrung, dass niemand mehr genau sagen kann: Ist das korrekt? Darf ich das überhaupt sagen? Keiner kann mehr genau die Moral definieren, nach der gelebt werden soll. Geld, Sex und das perfekte Image, der äußere Schein – das sind die höchsten Werte, aber nach außen hin geben alle vor, noch immer eine "anständige" Existenz zu führen.

Algernon mischt das auf, er durchschaut seine Verlogenheit und sorgt für Chaos, stellt absolut alles, was der Gesellschaft heilig ist, infrage. Die Ehe wird von Jelinek als Geschäft bezeichnet, jegliche Romantik als etwas künstlich Erzeugtes gezeigt. Schon Wilde zerlegt das romantische Ideal gründlich: Die Frauen sind in die Männer verliebt, bevor sie sie überhaupt gesehen haben.

STANDARD: Leben wir nicht in analogen Zeiten der Begehrenslenkung? Die Bewusstseinsindustrie erzeugt Images, die unsere Triebrichtung steuern helfen sollen.

Richter: Durch Amerika – ich meine die Regierung Bush – ist ja bereits wieder ein Moralsystem komplett etabliert worden. Auch wenn man weiß, dass diejenigen, die es predigen, gar nicht danach leben. Das ist genauso beengend wie das viktorianische: Die monogame, heterosexuelle Beziehung ist das Maß aller Dinge, Gott fungiert als Bezugssystem. Diese Art von Doppelleben – dass die extrem konservativen Republikaner in den Südstaaten auch mit der Pornoindustrie verlinkt sind – kennt man zur Genüge. Das gilt auch für die Popkultur: Sängerin Britney Spears gibt sich wie ein verruchtes Pornomodel, vertritt aber in Interviews die Losung: Kein Sex vor der Ehe! Das ist der viktorianische Doublebind, nur heutig: Alles ist durch und durch sexualisiert und gleichzeitig in ein Moralsystem geschnürt, das niemand real mehr lebt.

STANDARD: Liegt darin nicht der Schock für die Europäer? Dass sie die von Bush rigide verfochtenen "Werte" für überwunden glaubten, für Folklorebestandteile, die in das säkulare Zeitalter hineinreichen, ohne ernst genommen werden zu müssen?

Richter: Je höher die gesellschaftliche Stellung, desto aufwändiger die Doppelexistenz. Dass in Wildes Bunbury ein Friedensrichter einen anderen Namen wählt, um seine Neigungen ausleben zu können: Das wäre in Berlin oder Hamburg heute nicht anders.

STANDARD: Sie selbst frönen einem ganz besonders kostbaren Genuss: Sie arbeiten mit einem konkurrenzlosen Ensemble im Akademietheater. Luxus pur?

Richter: Ein extrem gutes Ensemble, ja. Das sind ja alles Komiker. Eine Komödie muss schließlich komisch sein – nach langer, harter Arbeit! Bei einer Wilde'schen Komödie zerrinnt einem ja ein wenig die Substanz. Weil sie so stark von Oberflächen handelt, dass einem der Boden aus dem Blick gerät. Das hat mit dem Dandytum zu tun – eine Existenzform, die per definitionem nicht festzumachen ist.

STANDARD: Gibt es denn heute überhaupt noch Dandys? In Österreich haben vielleicht zuletzt die Mitglieder der "Wiener Gruppe" den Dandyismus vertreten. Aber sonst? Heute? Ist Karl Lagerfeld ein Dandy?

Richter: Dandys sind bei Wilde/Jelinek Adelige, bei denen das Geld langsam knapp wird. Leute, die immer nur für ihr Vergnügen gelebt haben – und jetzt kommen sie in ein Alter, mit 40, wo es langsam seltsam wird, immer noch zu feiern. Was ist der Dandyismus, wenn man ihn zu leben versucht? Irgendwann ist er nicht mehr glamourös, sondern einsam und kaputt. Man merkt ja irgendwann die Verfallserscheinungen, wenn man über 30 ist. Irgendwann wird man auch nicht mehr von anderen, jungen Körpern begehrt.

STANDARD: Sie haben den Diener sehr jung besetzt. Ist er der eigentliche Machthaber?

Richter: Die Dandys haben das Geld, er den begehrenswerten Körper. Auch das ist ein Tauschgeschäft – und wenn das Geld ausgeht, wird es für den Dandy tragisch.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.2.2005)

Zur Person

Der Hamburger Autor und Regisseur Falk Richter (35) betrachtet in seinen Arbeiten die Nöte der Wohlstandsmenschen unter den Bedingungen der Weltgesellschaft. Zuletzt war Richter Hausregisseur am Zürcher Schauspiel. Schriften zu seiner Arbeit finden sich gesammelt in dem Band "Das System" (verlegt bei "Theater der Zeit").

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    Michael Maertens und Roland Koch in 'Ernst ist das Leben (BUNBURY)'

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