Wim Kok: Frühpensionierungen für Lissabon-Ziele kontraproduktiv

17. Februar 2005, 19:18
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Niederländischer Ex-Ministerpräsident mahnt Stärkung der Wirtschaft ein, um soziale Standards zu sichern

Wien - "Ohne stärkere Basis für Wirtschaft und Beschäftigung wird es verdammt hart, den sozialen Standard abzusichern", betonte am Donnerstag der ehemalige niederländische Ministerpräsident Wim Kok vor Journalisten in Wien. Kritisch äußerte er sich über den anhaltenden Frühpensionierungs-Trend.

Der nunmehrige Leiter der EU-Expertengruppe zur Bewertung der Lissabon-Strategie sieht die EU-Mitgliedsdtaaten gefordert, mehr in Bildung, Umwelt und Forschung zu investieren, um der Konkurrenz aus den USA und Asien sowie der Überalterung der Bevölkerung gewachsen zu sein.

Ziel der Lissabon-Strategie ist es, die EU zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen.

Mehr Teilzeitarbeit

Als einen Lösungsansatz für die hohe Arbeitslosigkeit in Österreich trat er für mehr Teilzeitarbeit ein, um damit mehr Menschen in Beschäftigung zu bringen. Österreich liege zwar bei den Arbeitslosenzahlen unter dem EU-Schnitt, habe aber - wie viele andere Länder auch - ein Problem mit der Beschäftigung älterer Personen. Hier müsse mit mehr Weiterbildung entgegengearbeitet werden, so Kok.

Frühpensionierungen seien eine Belastung, die die Jüngeren zu tragen haben, warnte er. "Ich habe gelernt, je länger man glaubt alles beim Alten belassen zu können, desto härter werden die Anpassungsprozesse. Man kann die Realität nicht verleugnen."

Osteuropäer als Vorbild

Kok streute den osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten Rosen, diese wären ein Vorbild bei Wachstum und Produktivität.

Der ehemalige Bau-Gewerkschafter appellierte in diesem Zusammenhang an die Arbeitnehmervertreter, bei Lohnverhandlungen moderat vorzugehen. "Wir wären gut beraten darauf zu achten, was Lohnerhöhungen für den Standort bedeuten", so Kok.

Kok (Jahrgang 1938) war in der Gewerkschaftsbewegung groß geworden und hatte sich seine ersten politischen Sporen als sparsamer Finanzminister verdient. Von dort schaffte er es zwei Mal an die Spitze der niederländischen Regierung, musste jedoch frühzeitig seinen Hut nehmen, als ein kritischer Bericht des Haager Kriegsverbrechertribunals zur Rolle der holländischen UNO-Blauhelme vor dem Massaker von Sebrenica veröffentlicht wurde. (APA)

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