Kurzschluss und Denkpause

24. Februar 2005, 16:44
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Eröffnung des NÖ-Tanzfestivals "Österreich tanzt" Vorläufiges Aus für die viel versprechende abcdancecompany

St. Pölten - Wenn eine Welt so klein ist wie jene des Tanzes in Niederösterreich, dann machen auch Stürme im Wasserglas bereits ein ordentliches Wetter her. Der Beginn des Festivals Österreich tanzt in der Bühne im Hof der Landeshauptstadt wurde von einer traurigen Meldung überschattet: Der abcdancecompany des Festspielhauses St. Pölten wird für die kommende Saison eine "Denkpause" verordnet - was ihrer Einstellung nahe kommt.

Österreich tanzt ist eine kleine, wenig einfallsreich kuratierte Performancereihe mit zwei kalkulierten Höhepunkten: dem Eröffnungsabend, bestritten von Catherine Guerin und Bernd R. Bienert, und der Wiederaufführung des Stücks 7 interiors von Elio Gervasi (Freitag, 20 Uhr).

Die beiden Stücke, Guerins Short Circuits und Bienerts Frames/Counter Memory, bereiteten dem Publikum ein ambivalentes Erlebnis. Bienert badete in manieriertem Pathos. Guerin hingegen choreografierte ihre Tänzer sehr nüchtern als zwielichtige Emotionsembryos in einem friktionsgeladenen Klangraum (Komposition: Peter Vujica), der sich den im Tanz heute bereits zur Konvention gewordenen elektronischen Soundwolken und -knitterflächen entzog.

Die jungen Tänzer der Linzer Nachwuchs-Company x.IDA - viel versprechend: Jianan Qu, Magdalena Chowaniec und Adriana Cubides - fanden sich darin bestens zurecht. In beiden Stücken herrschte Halbdunkel vor, bei Bienert (Musik: Nader Mashayekhi) ein eher klebriges, bei Guerin ein gefährliches, das die Tänzer immer wieder zu verschlucken drohte.

In eine solche existenzielle Düsternis schlittert nun die erst 2002 mit viel Optimismus gegründete abcdancecompany unter Nicolas Musin. Am Donnerstag gab die Leitung des Festspielhauses, Intendant Michael Birkmeyer und Geschäftsführer Paul A. Gessl, bekannt: die zwölfköpfige Truppe müsse ein Jahr lang pausieren. Da die Tänzerinnen und Tänzer der Company nun andere Engagements annehmen müssen, bedeutet dies das Ende der auf Nachhaltigkeit angelegten Aufbauarbeit von Musin. Ausgerechnet Intendant Birkmeyer, der selbst Tänzer war, muss seine Tanzcompany einsparen.

"Für mich ist das eine wirkliche Niederlage", sagt Birkmeyer. Die Finanzierung für die Company sei seitens des Landes Niederösterreich auf drei Jahre beschränkt gewesen. Eine internationale Positionierung sei in dieser Zeit nicht gelungen. Heute sitze das Geld eben nicht gerade locker, und "die Leute sind nicht bereit, sich auf solche Abenteuer einzulassen. Jetzt habe ich wenigstens diese Denkpause ,herausgerissen'."

Musin äußerte sich dem STANDARD gegenüber als "sehr überrascht und enttäuscht". Die abcdancecompany hat sich zu einer künstlerisch ambitionierten Enklave innerhalb des - wie es in der Saisonbroschüre heißt - auf "Happy Hours", "singende Herzen" und "Liebe, Lust und Leidenschaft" eingeschossenen Festspielhauses entwickelt. "Ich hänge sehr an Musin", sagt Birkmeyer, "und glaube an ihn als Künstler. Ich falle lieber mit jemandem, an den ich glaube, stark auf die Nase als mit jemandem, der eventuell 'nicht schlecht' sein könnte 'a g'mahte Wies'n' zu machen."

Birkmeyer will künftig dezidiert keine "populärer" arbeitende Company aussäen. Er möchte "Partner im In- und Ausland finden, mit denen wir diese Company eventuell nach einem Jahr wieder beleben werden". In der Saison 2005/06 wird es im Festspielhaus St. Pölten weiterhin Tanzgastspiele geben.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20.2.2005)

Von
Helmut Ploebst

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abcdancecompany.at

festspielhaus.at

  • Das bedrohliche Dunkel in Catherine Guerins Choreografie "Short Circuits" zur Musik von Peter Vujica gleicht der düsteren Zukunft der St. Pöltener abcdancecompany
    foto: österreich tanzt

    Das bedrohliche Dunkel in Catherine Guerins Choreografie "Short Circuits" zur Musik von Peter Vujica gleicht der düsteren Zukunft der St. Pöltener abcdancecompany

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