Sichtbar machen, ohne alles zu zeigen

17. Februar 2005, 17:49
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Enorme Intensität dank Raoul Pecks beeindruckendem Zeitgeschichtsdrama "Sometimes in April", Flaute bei "life Aquatic"

Der solide besetzte Wettbewerb der Berlinale gewinnt mit Raoul Pecks beeindruckendem Zeitgeschichtsdrama "Sometimes in April" noch einmal enorm an Intensität. Daneben geht Bill Murray im neuen Film von Wes Anderson baden.


Die 55.Berlinale geht in die Zielgerade. Bei aller Abgeklärtheit, die die nun schon eine Woche andauernde Sichtungstätigkeit mit sich bringt, wird es manchmal aber auch jetzt noch ganz still im Kino. Dann hält der Tross von Medienvertretern quasi gemeinsam den Atem an und blickt auf Männer mit martialischem Mordwerkzeug in Händen, die langsam aus der Böschung auf eine Straße treten. Zuvor hat die UNO dort eine selektive Evakuierung durchgeführt. Und – man weiß es, alleine wenn man der Macheten und Keulen ansichtig wird – die Zurückgelassenen damit dem sicheren Tod ausgeliefert.

Sometimes in April, eine HBO-Produktion, geschrieben und inszeniert von Raoul Peck (Lumumba, 2000), erzählt von den gezielten Morden an nahezu einer Million Menschen in Ruanda im Frühjahr 1994. Peck baut seinen Film vordergründig über die Geschichte zweier Brüder auf, die im Konflikt zwischen den Bevölkerungsgruppen konträre Positionen vertreten.

Tatsächlich entwirft er jedoch einen geradezu panoramahaften Überblick über das Geschehen. Ohne je spekulativ zu werden (die oben erwähnte Sequenz verzichtet auf den Umschnitt auf die Opfer und das Zeigen ihres Todes), verbindet er so das filmische Vermögen, Empathie zu wecken, mit einem aufklärerischen Gestus und dem Aufzeigen von komplexen Zusammenhängen, die zurück reichen in die koloniale Vergangenheit und weiterwirken bis in die Gegenwart:

Während der hier außer Konkurrenz gezeigte Hotel Rwanda (Regie: Terry George) sich auf die couragierte, viele Leben rettende Initiative eines Einzelnen 1994 konzentriert, zeigt Sometimes in April auch die beispielhaften, anhaltenden Bemühungen, sich mit den damaligen Geschehnissen auseinander zu setzen.

Mit Pecks Film werden die Karten im Rennen um den Goldenen Bären noch einmal neu gemischt. In den vergangenen Tagen rangierte hier vielerorts Christian Petzolds Gespenster an der Spitze der preisverdächtigen Arbeiten. Petzold hat wie der aus Haiti stammende Peck sein Handwerk an der Berliner Filmakademie erlernt. Gemeinsam ist beiden, dass sie sich formal konsequent vom herrschenden Mainstream distanzieren.

Individuelles Drama

Petzolds Film erzählt allerdings mit der ihm eigenen visuellen Präzision eine vergleichsweise ganz kleine Geschichte: Ein Franzose (Aurelien Recoing) kommt nach Berlin, um seine Frau (Marianne Basler) dort aus einer Klinik abzuholen. Zur selben Zeit lernen einander Nina (Julia Hummer) und Toni (Sabine Timoteo) kennen. Bald werden einander diese beiden Erzählstränge berühren:

Die Frau, deren kleine Tochter einst vor einem Supermarkt entführt wurde, glaubt diese im Heimkind Nina wieder gefunden zu haben. Nina dagegen ist in einem Spiel aus Anziehung und Zurückweisung mit ihrer neuen Freundin gefangen.

Der Film handelt fortwährend auch vom Geschichtenerzählen – von Bewegungen und einem Verhältnis des Austauschs zwischen Fiktionen und filmischer Realität. Diese sind an Symmetrien und Verschiebungen geknüpft, die sich allerdings in erster Linie dem Publikum vermitteln. Keine symbolischen Gesten werden hier gesetzt, sondern beiläufig platzierte Indizien ausgestreut:

Hier ein T-Shirt mit einem aufgedruckten Segelboot, da die Fantasie einer ersten, schicksalhaften Begegnung auf hoher See. Ein Ohrring, der mehrmals die Besitzerin wechselt, oder wiederkehrende Schauplätze, die man jedoch beim zweiten Mal unter veränderten Vorzeichen betritt. Am Ende ist der anfängliche Zustand nur scheinbar wieder hergestellt, haben sich (Familien-)Geschichten ineinander verstrickt.

Auch US-Regisseur Wes Anderson (The Royal Tenenbaums) hat seine Filmfamilie neuerlich um sich versammelt: – mit dem wenig einladenden deutschen Titel Die Tiefseetaucher versehen – entwickelt mit und um Bill Murray, Owen Wilson, Anjelica Huston und andere eine krude metafilmische Erzählung: Im Mittelpunkt steht ein Hersteller von B-Movie-artigen, pseudowissenschaftlichen Meeresfilmen (Murray).

Mitten in seine von Rache geleitete Jagd nach dem "Jaguarhai", schneit diesem ein unbekannter, erwachsener Sohn (Wilson) ins Haus, der ihm nicht zuletzt bei seinem Werben um die Gunst einer britischen Journalistin (Cate Blanchett) in die Quere kommt.

Der Film ist eine Art von selbstreferenzieller Bastelarbeit. Als solche fällt er gewissermaßen fortwährend auseinander. Nur um sich dann immer wieder zu großartig absurden Sequenzen zu sammeln, in denen erwachsene Menschen in aberwitzigen Kostümen (hellblaue Neoprenanzüge, eine ganze Armada von roten Zipfelhauben oder gewagte pastellfarbene Synthetikshorts) im Geiste von Jacques Cousteau ihre höchst eigentümliche Mission erfüllen – und dabei irgendwie im schrulligen Anderson-Universum gefangen bleiben.

Vor dem Eindruck dessen, was Raoul Peck auf die Leinwand bringt, muss dieser melancholische Bubenzeitvertreib allerdings fast zwangsläufig verblassen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.2.2005)

Isabella Reicher
aus Berlin
  • Bill Murray in Wes Andersons "The Life Aquatic With Steve Zissou"
    foto: berlinale

    Bill Murray in Wes Andersons "The Life Aquatic With Steve Zissou"

  • Sonia Ntare und Pamela Nomvete in Raoul Pecks "Sometimes In April"
    foto: berlinale

    Sonia Ntare und Pamela Nomvete in Raoul Pecks "Sometimes In April"

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