Und weg ist er

22. Februar 2005, 13:06
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Designteams ersetzen kapriziöse Star- designer: Droht Helmut Lang ein ähnliches Schicksal wie Gucci-Guru Tom Ford?

Alessandra Facchinetti, John Ray, Frida Giannini: Wer diese Namen kennt, der kennt sich im Modebusiness wirklich aus. Der blättert nicht einfach nur hin und wieder die Hochglanzjournale durch oder zappt durch die Fashion Channels. Dabei ist das Dreiergespann bereits seit einem Jahr die treibende Kreativkraft hinter jener Marke, die das vergangene Jahrzehnt prägte wie keine sonst: Die drei Herrschaften sind die Nachfolger von Tom Ford bei Gucci.

Helmut Lang, Jil Sander oder eben Tom Ford: Diese Namen sagen auch jenen etwas, die das Modebusiness nicht wie ihre Westentasche kennen. Lang, das ist der Modeminimalist und Intellektuellenschneider, Sander das ist die kühle Hamburger Reduktionistin und Ford der Texanische Hochglanzdesigner. Die Designer sind die Marke. Mit größtmöglicher Deckungsgleichheit. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Verschwinden der Stardesigner

Seitdem sich Prada und Helmut Lang vor einigen Wochen trennten, spricht die Branche ganz offen von einem Phänomen, das sich schon seit Längerem ankündigte und das nun offensichtlich wurde: "Vom Verschwinden der Stardesigner" titelte zuletzt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und zählte auch gleich all die prominenten Abgänge der vergangenen Zeit auf: Julien Macdonald verließ Givenchy, Michael Kors Celine, Jil Sander hatte sich von Jil Sander getrennt. Das größte Beben jedoch hinterließen die Abgänge von Tom Ford und Helmut Lang. Vor allem auch seitdem das Gerücht die Runde macht, dass der Wiener Stardesigner womöglich nicht von einem ebenbürtigen Couturier ersetzt wird (der Belgier Raf Simons ist im Gespräch), sondern genauso wie Ford von einem Kreativteam.

Damit träfe der Umbau der Modedesignszene das Label jenes Mannes, der der Mode in den Neunzigern wie kein anderer sonst seinen intellektuellen Stempel aufgedrückt hat. Der sich selbst immer scheu im Hintergrund hielt und gerade deswegen wie ein Guru präsent war. Der sich hinter seinen Kleidern versteckte, während diese sich immer näher an den Körper schmiegten. Helmut Lang perfektionierte als Designer die Kunst des Verschwindens, bis er selbst eines Tages verschwand. Zumindest von jenem Label, das seinen Namen trägt.

Dabei ist der Hintergrund der vielen Abgänge vor allem wirtschaftlicher Natur: Immer mehr Modehäuser ziehen die Arbeit mit einer Reihe von Designköpfen aus der zweiten Reihe jener mit einer schwierigen Designerpersönlichkeit vor. Hugo Boss erreichte in seiner Damenlinie mit einem Kreativteam (nach dem Ausscheiden von Designerin Grit Seymour) im vergangenen Jahr erstmals die Gewinnzone, Moschino setzt bereits seit Jahren erfolgreich auf eine ganze Reihe von Designkräften. Hinter Joop! stecken viele, nur nicht Wolfgang Joop. Dieser widmet sich seit dem Verkauf des Markennamens "Joop!" seinem Label namens Wunderkind. Stimmt der Klang der Marke, so spekulieren die Konzernchefs, dann ist die Strahlkraft einer bestimmenden Designerpersönlichkeit verzichtbar.

"Helmut Lang ist eine Marke mit einer starken Identität und einer klaren Position im Modefirmament", hatte denn auch Prada-Chef Patrizio Bertelli nach der Trennung von Helmut Lang erklärt. Als er sich im Herbst von Jil Sander löste, lauteten seine Worte ähnlich. Im Hause Prada sind die Designer angesichts der Einsparpläne in Hinblick auf den schon zweimal verschobenen Börsengang, der noch bis Ende 2005 erfolgen soll, zur Manövriermasse geworden, ihre Designvisionen und Qualitätskaprizen zum Hemmschuh des wirtschaftlichen Wachstums.

Druck auf Helmut Lang

Das hatte sich schon länger angekündigt: Seitdem Prada im August 1999 einen 51-prozentigen Anteil an der Gruppe Helmut Lang übernommen und die Beteiligung im Oktober 2004 auf 100 Prozent aufgestockt hatte, war der Druck auf Helmut Lang gewachsen. Genauso wie Jil Sander ist auch er für seine Kompromisslosigkeit bekannt, dafür, dass die monetären Zwänge den modischen Visionen weichen müssen. In einem Modebusiness, das fast ausschließlich von einigen Großkonzernen regiert wird, keine ganz einfache Haltung.

Die qualitätsbewusste Designdiva ist auf der Vorstandsetage der Konzerne nur ungern gesehen: Das war jetzt im Falle von Helmut Lang nicht viel anders als bei Tom Ford und Gucci-Mehrheitsaktionär Pinault-Printemps-Redoute. Wobei es hier in erster Linie um Macht ging. Ford, der gemeinsam mit seinem Partner Domenico De Sole Gucci vom kleinen Lederlabel zur hochprofitablen Kultmarke katapultierte, war dem Konzern schlichtweg zu mächtig geworden. Durch seinen Hochglanz-Lebensstil, seinen Umgang mit all den Hollywood-Größen, den Glamourpartys und Society-Events, hatte er sich eine Aura geschaffen, die das perfekte Signifikat zum signifikanten Markennamen war. Das Gegenteil für all das, wofür Helmut Lang steht. Dennoch war die Identifikation mit der jeweiligen Marke schlichtweg perfekt.

Auf diese glauben jetzt die Wirtschaftsbosse verzichten zu können. "Es zählt nicht der Name (des Designers), sondern die Qualität des Produkts", ist Bertelli überzeugt. Der Erfolg anderer Konzerne, die auf eine ähnliche Politik setzen, mag ihm Recht geben. Die Gefahr, in der Personality-verliebten Modeszene auf Grund zu laufen, ist allerdings groß.
(Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/18/02/2005)

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    Sie trennten sich beide von den Labels, die sie so lange prägten: der texanische Gucci-Hochglanz-Designer Tom Ford ...

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    ... und die Hamburger Puristin Jil Sander.

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