Stop or go am Steilhang

1. April 2005, 15:38
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Skivergnügen abseits der Pisten wird immer gefragter. Umso wichtiger sind Lawinenkurse und ein gutes Risikomanagement auf dem Berg

Es ist ein sonniger Wintertag, etwas weniger kalt als die Tage zuvor, mit einem stetigen leichten Wind aus Südwesten. Geschneit hat es die letzten Tage nicht. Die Gruppe von Skitourengehern war eben nahe der Vennspitze in den Tuxer Alpen in einen mittelsteilen Pulverschneehang eingefahren, als sich ein Schneebrett löste und die ersten drei verschüttete.

Nach einer Schrecksekunde schalteten die übrigen sieben ihre Suchgeräte, die sie vor der Tour auf Senden gestellt und auf Funktionstüchtigkeit überprüft hatten, auf Empfang und stürmten auf den Lawinenkegel los. Im Nu ertönte aus allen Geräten ein verwirrendes Piepsen, die Suchenden behinderten sich zum Teil gegenseitig, wurden von den einmal stärker, dann wieder schwächer werdenden Signalen verwirrt und gerieten zunehmend in Panik.

Das erste Opfer

Nach vier Minuten war das erste Opfer geortet, der Finder klaubte seine Lawinenschaufel und eine Suchsonde aus dem Rucksack, ein anderer ebenfalls. Beide begannen zu graben. Drei Minuten später hatte man den zweiten Verschütteten aufgespürt, nach insgesamt 13 Minuten den dritten. Nach 15 Minuten wurde immer noch nach allen drei Opfern gegraben. Es ist dies der Zeitraum, innerhalb dessen statistisch gesehen 90 Prozent der Verschütteten überleben. Danach sinkt die Überlebenschanche drastisch ab, nach einer halben Stunde werden nur mehr rund 30 Prozent lebend geborgen.

Wäre dieser "Lawinenabgang" nicht eine Übung mit vergrabenen Suchgeräten gewesen, sondern ein Ernstfall, so hätte es möglicherweise drei Tote gegeben, und das, obwohl die Teilnehmer beileibe keine Anfänger waren. Sie alle hatten jahrelange Erfahrung im Ski- oder Snowboard-Tourengehen, und sie waren gut ausgerüstet mit Verschüttetensuchgeräten (LVS-Geräten), Lawinensonden und Lawinenschaufeln: Nur bei Verwendung aller drei Geräte besteht statistisch die Chance, Verschüttete innerhalb der lebenswichtigen 15 Minuten zu bergen, bei Fehlen der zusammen steckbaren Sonde steigt sie bereits auf 25 Minuten.

Die entscheidenden Fehler der Gruppe

... die der Übungsleiter bewusst als drastische Erfahrungen zugelassen hatte - bestanden erstens darin, dass die Handhabung der Verschüttetensuchgeräte, wenn überhaupt, dann längere Zeit nicht mehr geübt worden war. Viele alpine Vereine üben das Verschüttetensuchen inzwischen regelmäßig, auch in ihren Kindergruppen, Verbände wie der Alpenverein und die "Naturfreunde" veranstalten regelmäßig Lawinenkurse.

Das zweite Versäumnis war, dass sich keiner in der Gruppe als Entscheidungsträger gefühlt hatte, der die Risiken im Voraus kalkuliert, mit der Gruppe besprochen und im Ernstfall die Aufgaben verteilt hätte: Wer sucht mit dem LVS, wer bereitet inzwischen Schaufeln und Sonden vor, wer gräbt schließlich nach welchem Verschütteten.

800.000 Österreicher sind pro Jahr als Skitourengeher, Variantenfahrer (außerhalb markierter Pisten) und Skiwanderer in einem Gelände unterwegs, in dem potenziell Lawinen abgehen können. Ein Großteil von ihnen verdrängt das vorhandene Risiko. Nicht selten führt der Besitz von technischem Equipment wie Lawinensuchgeräten oder Airbags zu einem Gefühl falscher Sicherheit.

Ohne dass die Bedienung der Geräte immer wieder geübt und perfektioniert wird, sind sie wertlos. Die verantwortungsbewusste Einschätzung von Gefahren ist das Um und Auf des Tourenskilaufs. Der Schweizer Lawinenfachmann Werner Munter spricht in diesem Zusammenhang von "Risikomanagement". Unter dem Begriff "Reduktionsmethode" listet er alle Bedingungen auf, unter denen von einer Tour abzuraten ist. Die besten wissenschaftlichen und Erfahrungserkenntnisse nutzen freilich wenig, wenn sie nicht einfach und überzeugend an den "Konsumenten" herangetragen werden können. Der Sicherheitsexperte des Österreichischen Alpenvereins, Michael Larcher, hat daher unter dem griffigen Slogan "Stop or go" klare, verständliche Entscheidungskriterien aufgelistet, die für oder gegen eine bestimmte Skitour sprechen.

Die wichtigste Informationsquelle

... dabei ist der regionale Lawinenlagebericht, der fünf international normierte Gefahrenstufen von eins (gering) bis fünf (sehr groß) festlegt. Vier und fünf sollten ein klares Nein bedeuten, bei Gefahrenstufe drei (erheblich) gilt: keine Skitouren auf Hängen mit einer Neigung über 35 Grad. Weil die Lawinengefahr im Einzelfall von verschiedensten Faktoren abhängen kann, sind statistisch belegte Kriterien besonders wichtig.

Zum Beispiel: 90 Prozent der Lawinen werden von ihren Opfern ausgelöst. Die meisten Unfälle ereignen sich bei Lawinenwarnstufe drei. Der wichtigste "Lawinenarchitekt" ist der Wind. Der erste schöne Tag nach Schneefall ist extrem gefährlich. Und zuletzt: Auch eine Lawinen-Risiko-Checkliste kann keine 100-prozentige Sicherheit garantieren.
(Der Standard/rondo/18/02/2005)

Serie: Berg- und talwärts
Von Horst Christoph

Lawinenkunde und Lawinenkurse:
Information und Anmeldung:
Globetrek - die Bergsteigerschule des Österreichischen Alpenvereins. Tel.: 0512-59547-34. Fax: 0512-573528
Email
globetrek
Tiroler Naturfreunde: Tel.: 0512-58 41 44
Email
Skitouren für Einsteiger mit Einführung in Lawinenkunde (Schneedeckenuntersuchung, Handhabung des LVS-Geräts und Kartenkunde): Tourismusverband Galtür, Tel.: 05443-8521
galtuer
Schi-&Snowboardschule Silvretta Galtür,
Tel.: 05443-8565
schischule-galtuer
Literatur: "stop or go". Strategische Lawinenkunde für Tourengeher(innen). Video (€ 17,44 exkl. Versand) und DVD (€ 28,- exkl. Versand). "stoporgo". Checkkarte mit Basisinfos und Raster für die Feststellung von Hangsteilheiten mithilfe von Tourenkarten. Bestellung per Email oder Fax: 0512-57 55 28. "Lawinen-
fibel": Hrsg. Österreichisches Kuratorium für alpine Sicherheit, Olympiastr. 10. Tel.: 0512-36 54 51,
Fax: 0512-36 19 98
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Ausstellung: "Die Lawine". Dokumentation des
Lawinenunglücks vom Februar 1999 und dessen Nachwirkungen. Alpinarium Galtür, Paznauntal,
Tirol. Nur noch bis 28. Februar. Tägl. außer Mo., 10.00 bis 18.00 Uhr.
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  • Selbst erfahrene Tourengeher unterschätzen oft die Lawinengefahr - und die Notwendigkeit, mit den Suchgeräten ausreichend oft zu üben.
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    Selbst erfahrene Tourengeher unterschätzen oft die Lawinengefahr - und die Notwendigkeit, mit den Suchgeräten ausreichend oft zu üben.

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