Hausbesorgersehnsucht

20. Februar 2005, 19:40
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Es war heute. In der Früh. Als dann die Schulklasse vom Gehsteig auf die Fahrbahn wechselte

Es war heute. In der Früh. Als dann die Schulklasse vom Gehsteig auf die Fahrbahn wechselte, um in der flachgefahrenen Schneespurrille die Gasse hinunter zu stapfen, weinte ich meinem Hausbesorger ein paar Tränen nach: damals, als M. noch lebte, wäre das nicht passiert. Da war der Gehsteig bei stärkstem Schneefall geräumt.

Weil M. nicht nur einen Dienstauftrag, sondern auch Prinzipien hatte. Eines davon lautete, dass der Gehweg ab sechs Uhr früh geräumt war. Egal wie kalt seiner Frau wurde. Egal wie schwer sie sich tat. Und egal, wie sie das anstellte: „Schnee muss weg“, sagte M. – kratzte sich unter der Achsel seines zerschlissenen Feinripp-Unterleiberls und brüllte seine Frau an. Auf serbisch. „Das funktioniert – du brauchst nicht wissen, was ich sage“, sagte M. und bot mir Schnaps an. Er fand das lustig. Aber der Gehsteig war schneefrei. Immer.

Sympathieträger

M. war ein Sympathieträger. Als ich einzog – in Jugoslawien begann gerade der Krieg – lud er mich in die Wohnung und zeigte mir seine Revolver. Am Tisch saß einer in Kampfhose und feilte Kerben in Patronen. „Man muss sich verteidigen. Dumdum ist besser. Wenn du willst, kannst du das mit uns ausprobieren. Wir haben auch andere Waffen. Zeige ich dir gerne.“ Ich lehnte dankend ab. Aber am Gehsteig lag kein Schnee.

M. liebte Pflanzen. Seine Begrünung unseres Innenhofes gewann einen Bezirkspreis. Was der Bezirksvorsteher unten, im Hof, nicht sah, sah man aus dem vierten Stock: Von oben ergaben die Stauden das Tschetnik-Kreuz. M.s Frau hatte genaue Anweisungen gehabt. Alles blühte sehr schön.

Sitzen gelassen

Als es gestern zu schneien begann, greinten eine der netten Damen, die bei uns als zentrale Gang-Infostelle fungiert. Wissend-prophylaktisch: Unterm M., klagte sie, hätte es nicht gegeben, was nun passieren werde. Nicht, solange seine Frau, die treulose Schlampe, den armen Mann nicht sitzen gelassen habe. Er sei danach ja auch bald gestorben. Habe sich zu Tode gesoffen. Aus Scham. Aber der Schnee würde wohl liegen bleiben.

So kam es auch. Die Schulklasse stapfte auf der Straße. Ringsum schippten Taglöhner wie die blöden. Manche bombardierten die Umgebung mit Sand und Salz. Vor dem kleinen Kaffeehaus – behauptet P. später in einem Mail – fuchtelte die Kellnerin mit dem Tischsalzstreuer. Vor unserem Haus lag Schnee. Als M. noch lebte, wäre uns diese Schmach erspart geblieben. (17.2.2005)

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    echo-verlag

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