US-Ökopolitik: Apokalypse, ja bitte?

17. Februar 2005, 21:50
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Warum fällt die Ökobilanz der Regierung Bush so miserabel aus? Weshalb nicken die Republikaner im Kongress gehorsam Gesetze ab,...

...die umweltpolitische Fortschritte zunichte machen? Einer im Internet verbreiteten These zufolge soll die Religion daran schuld sein.


Wien/Washington - Im Oktober 2004 hat das Online-Ökomagazin Grist eine folgenschwere Theorie ins Netz gestellt: In der US-Politik gebe es einen direkten Zusammenhang zwischen Endzeiterwartung und sorglosem Umgang mit der Natur. Politiker, die stündlich mit der Wiederkehr Christi rechnen, argumentiert Grist-Autor Glenn Scherer in einem weithin bekannt gewordenen Aufsatz ("The godly must be crazy"), haben generell andere Sorgen als den Umweltschutz.

Darüber hinaus aber würden apokalytisch gestimmte Christen ökologische Verwüstungen nicht nur ignorieren, sondern herbeisehnen und vielleicht sogar herbeiführen. Warum dies? Weil sie diese Verwüstungen, im Sinne biblischer Untergangsvisionen, als willkommene Hinweise darauf deuten, dass die Wiederkehr Jesu unmittelbar bevorstehe. Die apokalyptischen Reiter haben die Rosse gesattelt, die Polkappen schmelzen, der Herr ist nah. Scherer untermauert seine These mit Aussagen frommer republikanischer Kongressmitglieder wie Tom DeLay oder James Inhofe, welche die Umweltschutzbehörde EPA schon mal als "Gestapo" bezeichnen. Und er ruft einen Befund des Predigers Jerry Falwell ins Gedächtnis, wonach es sich bei der Erderwärmung um eine blanke Einbildung handle.

Scherers These von der bewusst gebilligten Öko-Apokalypse hat sich rapide im Internet verbreitet und wurde auf "liberalen" Sites intensiv debattiert. Meist zustimmend, aber nicht nur: So kritisiert etwa der Journalist Alexander Zaitchik auf Alternet, dass Scherer holzschnittartig argumentiere. Zaitchik weist darauf hin, dass etwa der 30 Millionen Menschen umfassende Dachverband der US-Evangelikalen (NAE) ökofreundlich sei - unter Berufung auf Bibelstellen, in denen Gott einen sorgsamen Umgang mit der Schöpfung gebietet.

Peinlicher Fehler

Auch der Weekly Standard geht mit der These von der Öko-Apokalypse scharf ins Gericht. Das publizistische Zentralorgan der Neokonservativen weist nicht ohne Häme auf einen groben Schnitzer hin, den einer der prominentesten Anhänger der Scherer-These, der Journalist Bill Moyers, begangen hat. Moyers hatte James Watt, dem Ex-Innenminister von Ronald Reagan, ein Zitat unterschoben ("Wenn der letzte Baum gefällt ist, dann wird Christus wiederkehren"), das die öko-apokalyptischen Neigungen der Republikaner belegen sollte.

Peinlicherweise stellte sich heraus, dass Watt diesen Ausspruch nie getan hat. Moyers hat sich für seine Schlamperei entschuldigt, das Urteil des Weekly Standard fällt gleichwohl barsch aus: Die ganze Sache sei ein "liberaler Mythos" von Bush-Hassern. Freilich: Selbst wenn dies zutreffen sollte, wird Bushs Ökobilanz um nichts besser. Im Budgetentwurf 2006 zählt der Umweltschutz jedenfalls zu jenen Posten, bei denen massive Streichungen angesagt sind. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.02.2005)

  • Die Umweltschutzpolitik von George Bush, aus der Sicht des liberalen Amerika betrachtet.
    holzschnitt "die vier reiter"/a.dürer

    Die Umweltschutzpolitik von George Bush, aus der Sicht des liberalen Amerika betrachtet.

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