US-Rückenstärkung für Europas "Traum"

18. Februar 2005, 14:25
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Dosis Selbstbewusstsein vor Bush-Besuch

Wenige Tage vor dem Bush-Besuch in Europa kam es in Brüssel zu einer transatlantischen Begegnung der besonderen Art: Ein Amerikaner gab dem "alten Kontinent" Rückenstärkung und erzählte, wie gut Europa eigentlich ist.

Mehr Selbstbewusstsein! Den Minderwertigkeitskomplex überwinden! - Fast im Stil eines Predigers hämmerte US-Ökonom Jeremy Rifkin seine Botschaften über den "europäischen Traum" am Dienstagabend im Brüsseler Europaparlament ein. Denn Europa sei friedlicher, sozialer, glücklicher - kurz: besser.

Das zweifelnde Aber ließ nicht lange auf sich warten und kam ausgerechnet aus dem US-kritischen Frankreich: Der Franzose Pascal Lamy, bis 2004 EU-Handelskommissar, hielt dem Idealbild vom schönen Europa die schwächelnde Wirtschaft entgegen. Papperlapapp, konterte Rifkin: "Das amerikanische Wachstum ist auf Pump und mit Schulden finanziert. Dieses Jahr gehen mehr Amerikaner bankrott als sich scheiden lassen." Und, mit einem Seitenhieb auf den Heimatstaat des US-Präsidenten: "Frankreich hat mehr Wirtschaftskraft als Texas." Natürlich, Europa sei in der Krise, das gestand sogar Rifkin ein - aus der könne es aber nur herauskommen, wenn es gemeinsam als EU und nicht nationalstaatlich-egoistisch handle.

Ansätze dafür sah der grüne Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit in der Außenpolitik. Da diese, etwa mit den Fragen Iran und Irak, das Treffen Bush-EU dominieren wird, formulierte er einen Vergleich: "Die USA kopieren den Bolschewismus. Sie glauben, dass die Welt krank ist und geändert gehört." Aber eine Frage stellte er sich schon: "Warum tun sich Europäer so schwer, Veränderungen zustande zu bringen?"

Damit war Rifkin wieder am Anfang: weil es der EU an Selbst- und Sendungsbewusstsein mangle. Zumindest Ersteres, gab Rifkin den Zuhörern mit, solle Europa beweisen - gerade beim Gipfel mit den USA. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.2.2005)

Eva Linsinger aus Brüssel
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