Festplattenschmaus für Streichwurstmörder

16. Februar 2005, 17:50
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"Der Kameramörder" im Rabenhof-Theater

Wien – Der Erzähler (Thomas Maurer) in Thomas Glavinics Medienmoralsatire Der Kameramörder, der als geistig abnormer Rechtsbrecher im weststeirischen Hügelland zwei Bauernbuben mit vorgehaltener Handkamera und unter Androhung wüstester Gewaltexzesse zum Todessprung von Schwindel erregend hohen Baumkronen verleitet, ist der bestürzend trivialste Protokollant in eigener Sache: ein später Nachfahre jener Schriftdeutschverwahrloser, die ihre Halbbildung an besonders ausgeklügelte Sprachverrenkungen verschwenden.

Von so viel blendender Erzähllaune profitiert zunächst Regisseur Anatole Sternbergs Rabenhof-Abend: Maurer, der auf einem kaum handtellergroßen Hocker auf einer Streu aus Mulch sitzt, erzählt flüssig wie ein phlegmatischer Abendmaturant, dessen ausgeprägter Sinn für idiomatischen Bombast ihn instinktsicher nach der abgewetztesten Wendung greifen lässt.

Das sprüht förmlich vor abgegriffenem Leder und wirbt mit herausstehendem Hemdzipfel um Einfühlung: Der Hof, auf dem unser Sadist mit seiner "Lebensgefährtin" nach vollbrachter Tat ein Osterwochenende beim befreundeten Paar verbringt, ist "von Katzen übersät". Er zeigt sich für Leberstreichwurstbrote "durch Danksagungen erkenntlich", weiß vom April, "dass der vierte Monat nach eigenem Gutdünken handelt", und erfährt prompt von der amtshandelnden Gendarmerie, dass sie in Betreff der Täterausforschung "guter Hoffnung" sei.

Zwischen dem Erdnussschlucken vor der Glotze und den Angstschauern der gemeinschaftlich im Nahgebiet der Mordtaten Ausspannenden bricht das Fernsehspektakel herein: Glavinic geißelt die Barbarei der Medienbetriebsvoyeure, und Regisseur Sternberg bannt zur Sicherheit alle Häuslichkeiten originalgroß via Beamer auf eine Wandtafel. Maurer scheint dem Schirm wie ein etwas zerknautschter Adam entstiegen, aus dem Dreck und dem Lehm der emotional verlogenen Verlautbarungskultur geknetet. Wer möchte, darf sich angesichts so vieler Mehrbödigkeit getrost als Pixel auf die Festplatte seiner eigenen Betroffenheit herunterladen.

Fest der Klischees

Schwerer wiegt da schon der Verzicht auf alles, was aus dem spekulativen Liebäugeln mit dem Trash mehr machen könnte als ein gut eineinhalbstündiges Hantieren mit Klischees: Theater zum Beispiel, dass diesen Namen verdiente. So wirkt Der Kameramörder ein bisschen wie der Pillenknick in der doch arg gemütvollen und risikolos angebahnten Erdberger Spaßtheatermache: Kabarettisten aller Gewichts- und Güteklassen dilettieren im Rabenhof immer häufiger als aparte Textrezitatoren, und man ist versucht, sie für die weit gehend unfallfreie Wiedergabe verwickelter, verzwickter Satzungetüme sportlich zu belobigen.

Die heimische Pop-Radiokultur, die das Theater hasst, aber den Rabenhof als Selbstdarstellungsforum nicht verachtet, hat das Haus vorerst symbolisch übernommen. Soll man dazu gratulieren?
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.2.2005)

Von Ronald Pohl
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