Noten in Muttersprache

24. Februar 2005, 19:10
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Französische Gäste im Konzerthaus

Wien – Die eindringlichsten Mitteilungen glücken am ehesten, wenn man sich der Muttersprache befleißigt. Dies gilt nicht nur für die Wörter. Dass dies auch nach Noten stimmt, bewies das Orchestre National de France am Dienstag an Werken von Claude Debussy und Maurice Ravel unter seinem Chefdirigenten Kurt Masur im Konzerthaus.

In Jean-Yves Thibaudet war überdies ein pianistischer Nimmersatt zur Stelle, der mit dem Solopart von Claude Debussys Fantaisie für Klavier und Orchester offenbar noch nicht saturiert war, sodass die Gäste aus Paris unmittelbar nach diesem Werk auch noch Maurice Ravels Klavierkonzert in G-Dur nachschieben konnten.

Dieses überraschende Doppelpaket faszinierte nicht nur durch das hohe Niveau, auf dem es präsentiert wurde, sondern vor allem auch stilistisch. Zeigte es doch in ungewohnter Schlüssigkeit auf, welch meilenweit entfernte stilistische Positionen unter dem sehr allgemeinen Sammelbegriff "französische Musik" ihren Platz finden.

Ob Claude Debussy seine frühe Fantaisie nur aus nie abebbendem Unmut auf seinen unbefriedigenden Aufenthalt als Rompreisträger in der Villa Medici zeit seines Lebens unter Verschluss hielt oder doch auch, weil er dem Werk einfach ästhetisch misstraut hat, ist gerade nach einer so hochkarätigen Wiedergabe nur schwer zu beantworten.

Eleganz und Virtuosität

Vor allem deshalb, weil diese von Kurt Masur klar gestaltete Folge ins Leere gehender orchestraler und solistischer Aufwallungen trotz all ihrer harmonischen Reize der schlüssigen formalen Eleganz und der stets mit intellektuellem Kalkül eingesetzten, von Jean-Yves Thibaudet stilistisch bewundernswert sensibel realisierten Virtuosität des Ravel-Konzertes nur schwer gegenzuhalten vermochte.

Es zählt zu den Merkwürdigkeiten des Wiener Musikgeschmacks, dass französische Musik auch nach ihren – wie diesmal – besten Präsentationen das Applausbarometer kaum höher als auf freundliche Mittelwerte zu treiben vermag.

Da erreichte das Echo auf den zum Abschluss losgelassenen Knüller Scheherezade von Nicolai Rimski-Korsakow schon höhere Begeisterungswerte. Zumal sich dieses Orchester auch im gepflegten nationalromantischen Russisch äußerst nuanciert auszudrücken versteht.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.2.2005)

Von Peter Vujica
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