Eines Tages wird jede große Stadt so was besitzen

17. Februar 2005, 14:58
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Die Bezeichnung "online" wird langsam verschwinden. Denn fast jede Werbung wird "online" sein.

Als rund um das Jahr 1880 die erste Telefonverbindung zwischen Boston und Chicago aufgenommen wurde, erklärte der Bürgermeister von Boston feierlich: "Eines Tages wird jede große Stadt einen Telefonapparat besitzen." Wie Recht er doch hatte.

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Tibor Bárci

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Jeder, der heute eine Prognose über die Zukunft von "Onlinewerbung" abgibt, ist in großer Gefahr, ein ähnlich zutreffendes Statement von sich zu geben.

Es ist nicht schwer, mit jeder Aussage zu diesem Thema Recht zu haben und dennoch vollkommen falsch zu liegen. Selbst ich kann das. Hier der Beweis: Die Bezeichnung "online" wird langsam verschwinden. Denn fast jede Werbung wird "online" sein. Damit meine ich nicht bloß das Fernsehen, das mit der Digitalisierung ähnliche Funktionen wie der Computer besitzt.

Ich meine auch digitale Printwerbung: Zeitlich abgestimmt mit meinem Wecktermin wird wenige Minuten davor mein Apple-Airport die aktuellste Version von Nachrichten und Werbung auf meine STANDARD-Zeitungsfolie übertragen. Die sich übrigens wie Papier anfühlt und minütlich aktualisiert neben meinem Bett liegt.

Die "Anzeigen" (so wird man das hochkomplexe System von Lebensbeeinflussung durch Werbung immer noch nennen) haben längst erkannt, dass ich gerne italienisch esse, gelegentlich in die USA reise und mein BMW demnächst erneuerungswürdig ist. Etwas später werde ich in diesem BMW zur Arbeit fahren und von Plakaten begleitet werden. Sie stehen im idealen Winkel zur Blickrichtung und haben dieselbe Geschwindigkeit wie mein Wagen.

Da mein Autoradiosystem erkennt, welche Sujets ich etwas länger betrachte, bekomme ich das Sounddesign zum Plakat downgeloadet. (Verzeihen Sie, dass ich mich so altmodisch ausdrücke, aber früher sagte man so.) Onlinewerbung in Aufzügen, WCs, Verkehrsystemen und Kühlschränken wird wissen, wer wir sind, was wir tun, was wir vom Leben und Konsumieren erwarten.

Wird es dann noch irgendwo Nicht-online-Werbung geben? Natürlich. In zurückgebliebenen Ländern der Dritten, Vierten, Fünften Welt. Touristen, die nicht davor zurückschrecken, solche Gegenden zu bereisen, werden eventuell davon erzählen. Wie rückständig solche Werbung ist. Wie naiv sie ist. Und wie überraschend es ist, wenn man plötzlich etwas sieht, was man ganz und gar nicht erwartet.

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    foto: derstandard.at
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