US-Todeskandidat "zu klug" zum Überleben

21. Februar 2005, 13:27
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Akkurat jener Todeskandidat, dessen Fall veranlasst hatte, Hinrichtungen von geistig Behinderten zu verbieten, soll nun exekutiert werden

Akkurat jener Todeskandidat, dessen Fall das US-Höchstgericht dazu veranlasst hatte, Hinrichtungen von geistig Behinderten zu verbieten, soll nun exekutiert werden. Begründung: Der Intelligenzquotient des Delinquenten ist gestiegen

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Washington – Der Fall des‑ 27-jährigen Schwarzen Daryl Atkins – wegen Mord zum Tod verurteilt – war im Juni 2002 das Beispiel für eine Entscheidung des US-Höchstgerichts, die Aufsehen erregte: "Hinrichtungen geistig Behinderter sind verfassungswidrig und damit verboten."

Drei Jahre später, muss ausgerechnet jener Häftling, der indirekt dutzenden Todeskandidaten das Leben erhielt, die Exekution fürchten. Sein Problem: Tests haben ergeben, er sei in den Jahren seiner Haft "klüger" geworden – möglicherweise "zu klug", um als geistig Behinder 3. Spalte ter von der Hinrichtung verschont zu bleiben.

Mit 18 Jahren wegen Raubmord zum Tod verurteilt

Der Afroamerikaner war‑ 18 Jahre alt, als er 1996 wegen Raubmord zum Tod verurteilt wurde. Tests ergaben dann jedoch, dass sein Intelligenzquotient bei nur 59 lag. Die Grenze zur geistigen Behinderung liegt in Virginia bei 70. Bei zwei neuen Untersuchungen – die eine kürzlich, die ^andere im vergangenen Jahr – kam Atkins dann jedoch‑ auf 76 beziehungsweise 74. Staatsanwältin Eileen Addison ist deshalb davon überzeugt, dass Atkins nie geistig behindert war und die Hinrichtung verdient.

Mentale Stimulation

Nach den Gesetzen in Virginia muss nun ein Schwurgericht entscheiden, ob Atkins hingerichtet werden darf oder nicht. Die Verteidigung will sich dabei unter anderem auf den Psychologen Evan Nelson stützen, der Atkins selbst 2004 getestet hat und die beiden jüngsten Ergebnisse für nicht maßgeblich hält. Sie seien das Ergebnis einer mentalen Stimulation, die durch den Fall selbst erzeugt worden sei. Atkins habe durch den Umgang mit den Anwälten das Schreiben und Lesen geübt, etwas über juristische Fragen und die Kommunikation mit Profis gelernt.

Bittere Ironie

Das ist für die Experten die bittere Ironie an diesem Fall; wie Richard Dieter vom Informationszentrum für Todesstrafen formulierte: "Am Ende könnte Atkins' Beitrag zu einem Ende der Hinrichtungen geistig Behinderter sein eigenes Ende bewirken."

Ein weiteres Problem bei der anstehenden Entscheidung: Laut Gesetz muss zur Verhinderung der Hinrichtung der Intelligenzquotient unter 70 schon vor Erreichen der Volljährigkeit gemessen worden sein. Das ist aber bei Atkins nicht der Fall.

Der zuständige Richter Prentis Smiley zeigte sich aber wenig beeindruckt, als Atkins' Anwälte ihn auf diesen Nachteil hinwiesen. Seine Antwort: "Das ist Ihr Problem." (dpa, Gabriele Chwallek, DER STANDARD Printausgabe 17.2.2005)

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