In Kiel will die CDU die rote "Schuldenheidi" vertreiben

18. Februar 2005, 12:38
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Wahlen in Schleswig-Holstein: Ein Wahlerfolg von Rot-Grün unter Ministerpräsidentin Simonis käme Schröder gelegen - Die Chancen dafür stehen nicht schlecht

"Was machen Sie, wenn Sie in Ihrem Lieblingsrestaurant nur noch schlechtes Essen bekommen", will der stattliche Herr mit grauem Bart von seinen Zuhörern wissen. "Dann raten Sie dem Wirt doch nicht, er solle neue Töpfe kaufen, sondern, er möge seine Köchin austauschen." Das Publikum im Autohaus Ohms, 30 Kilometer westlich von Kiel, ist ganz der Meinung von Peter Harry Carstensen. Erst recht, als der CDU-Spitzenkandidat ruft, dass seine Partei genau so vorgehen werde: "Am 20. Februar werfen wir die Schuldenheidi hinaus!"

Daraufhin spielt die Dixie- Band auf, und Carstensen darf verschnaufen. Die Stimmung ist gut im Autohaus, und das gibt dem 57-Jährigen Auftrieb. "Schleswig-Holstein braucht den Wechsel", verkündet er seit Monaten.

Gründe, Rot-Grün abzuwählen, kann Carstensen viele nennen. Die Arbeitslosenquote ist die höchste in einem westdeutschen Flächenland, ebenso die Pro-Kopf-Verschuldung, zudem ist das Land pleite. Ein Ministerpräsident Peter Harry Carstensen würde mit seinem Juniorpartner FDP daher bei Betriebsansiedelungen weniger Rücksicht auf den Lebensraum von Kröten und Kranichen nehmen. "Genehmigt wird alles, was Arbeitsplätze schafft", versichert Carstensen.

Doch wenige Tage vor der Wahl muss der heimischen Tierwelt noch nicht bange sein: Rot-Grün liegt in Umfragen drei Prozentpunkte vorne – dank der überaus beliebten Ministerpräsidentin Heide Simonis (61), die seit 1993 im Amt ist. Der Wahlkampf ist komplett auf sie zugeschnitten, der wichtigste Slogan lautet schlicht und einfach "Heide". Heide talkt, Heide bäckt Kekse, Heide gibt Heide-Autogramme und erklärt, man dürfe das Land "nicht dieser konservativen CDU überlassen, das wäre ein Rückschritt für die Frauen". Sorge macht ihr die NPD. Aus Umfragen wird klar, ob die Rechtsextremen den Einzug schaffen werden.

Auf jeden Fall würde Simonis mit einem Wahlsieg auch Kanzler Schröder eine große Freude machen. Denn in Berlin gilt: Wenn sich Rot-Grün in Schleswig-Holstein halten kann, dann ist das auch im Mai in Nordrhein-Westfalen und 2006 im Bund zu schaffen. Auf ihren Herausforderer Carstensen angesprochen, lächelt Simonis süffisant und sagt: "Ach, er ist ja ein netter Mensch." Im SPD-Team wird der bodenständige Carstensen jedoch als "unser bester Wahlhelfer" bezeichnet. Dass der lustige Witwer via Bild-Zeitung eine Frau suchte ("Ich möchte mich wieder mal verlieben"), in sein Schattenkabinett aber nur Männer berief, kam im hohen Norden nicht so gut an. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.2.2005)

Birgit Baumann aus Kiel
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    SPD-Spitzenkandidatin Heide Simonis und ihr Herausforderer, CDU-Landeschef Peter Harry Carstensen.

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