Sprachveränderung unter den Sowjets?

17. Februar 2005, 19:48
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Wenn Machthaber Sprache zur Manipulation missbrauchen - obskure Ausformungen in der UdSSR

Jede Gesellschaftsform spiegelt sich in ihren Sprachvarianten wieder. Ebenso lässt jede Sprache Rückschlüsse auf die Gesellschaft zu. Diese, an sich nicht neue These Whorfs aus den fünfziger Jahren, gipfelte in totalitären Systemen, wo Machthaber Sprache mitunter als direktes Manipulationsinstrument missbrauchten. Zu welchen obskuren Ausformungen dies in der UdSSR führte, untersuchte Monika Stödtner in einer Seminararbeit aus Russisch.

Sprache und Gesellschaft

Benjamin Lee Whorf erstellte 1956 in seinem Werk Sprache-Denken-Wirklichkeit mit dem linguistischen Relativitätsprinzip die für die Linguistik essentielle These, dass unser Denken von unserer Muttersprache determiniert wird. Westliche Wissenschaft hätte sich ihm zufolge unter der Sprache der Hopi, einem Puebloindianerstamm, der keine Zeitformen für Verben kennt, anders entwickelt. Später schwächten generative Grammatiker wie Noam Chomsky diese Denkschule etwas ab, indem sie universelle sprachliche Gemeinsamkeiten (die Grammatik) in den Vordergrund hievten. Dass Sprache unser Denken jedoch prägt und beeinflusst, galt bereits für demagogische Strategen wie Goebbels als Common Sense.

Mittel zum Zweck

Während die Nazis mittels Parteianweisungen an Pressestellen der Massenmedien offizielle Sprachregelungen durchsetzten, bediente sich die Sowjetunion einer verstaatlichten Presse, ebenfalls aber strenger Zensur. Die Methoden mögen der Form nach unterschiedlich sein, inhaltlich - betont Monika Stödtner - griffen beide totalitären Systeme zu artsverwandten Tricks um ihrer Macht Aus- und Nachdruck zu verleihen - darunter Lexik, Austausch von Wörtern, Neologismen und Neuprägungen. Eine ganze Plethora an Hilfsmitteln stand bereit, um eine totalitäre Gesellschaftsform zu unterstützen, mehr noch, um ihren Status in den Rang einer Religion zu erheben.

Kommunismus – Religion für die Massen

Ideologien zur Legitimation von Terror, gleichsam als intrinsisches Wesensmerkmal totalitärer Systeme - kaum eine Ideologie konnte auf soviel ideologischen Überbau verweisen, wie die UdSSR. Zur Untermauerung kommunistischer Überlegenheit half die Schule des dialektischen Materialismus, in der die Notwendigkeit von Gewalt implizit verankert war. Mithilfe dieses theoretischen Überbaus wurde eine politische Religion gezimmert, welche zugleich unhinterfragbar und sinnstiftend wirkte. Versimplifizierende Schwarz – Weiß, Gut – Böse Denkmuster als Grundstruktur dieser Dialektik beinhaltete sowohl das Kommunistische Manifest als auch die Sowjetische Verfassung. In der DDR versinnbildlichte Staatsratsvorsitzender Walter Ulbricht die neue Religion durch die Erstellung der 10 Gebote sozialistischer Moral und Ethik.

Dialektik, materialistische - als zweidimensionale Weltsicht

Der Sprachforscher John Wesley Young trug aus verschiedenen kommunistischen Gesellschaften und deren sinnstiftenden Dokumenten Gegensatzpaare zusammen, die Gemeinsamkeiten der Gesellschaften unterstreichen helfen. Allen gemeinsam: ein dialektisches Vorgehen, dass durch Bildung von marxistisch konvergenten Wörtern (Neologismen, Neubesetzungen, Neuprägungen) und deren Antonymen eine Schwarzweißwelt erschaffen wird. Positiv besetzte Wörter (materialistisch, kommunistisch) weisen dabei verblüffend ähnliche Eigenschaften auf. Allesamt bleiben sie so genannte ideologische Prämissen, also unhinterfragbare Instanzen, allesamt sind sie extrem elastisch – also inhaltlich dehnbar. Eine solch aufgeladene Sprachsymbolik innerhalb zweidimensionaler Banden begünstigte die KPdSU gezielt, während sie zeitgleich munter an der Erschaffung einer neuen Sprache werkte.

Umarbeitung von Sprache - Lexik

Anhand der Autobiographie von Nadežda Mandel'štam illustriert die Autorin wie mithilfe von Neologismen (Neuschaffungen von Begriffen) und Neuprägungen (Neuschaffungen von Begriffskontexten) die sowjetische Sprache sukzessive die russische ersetzte. Akronyme oder Initialwörter, Abkürzungen für Wortketten sind untrennbar mit unserem Verständnis von Kommunismus verbunden. Sosehr sie der Verfremdung der Sprache zur Amalgamierung des Systems dienen hätte sollen, mag sie aber auch die Entfremdung vom System beigetragen haben. Mit welchen Tricks die KPdSU an ihrem eigenen Ast sägte, zeigt Monika Stödtner in ihrer Seminararbeit.

Die Arbeit im Volltext (Anmeldung erforderlich).

Die Autorin
Marion Stödtner studiert seit Oktober 2000 in Wien Slavistik und schreibt nun an ihrer Diplomarbeit. Den Schwerpunkt ihres Studiums legte sie auf Literaturwissenschaft. Sowohl die inneren Strukturen von Literatur als auch ihre äußeren Verbindungen zu Kultur, Geschichte und Gesellschaft interessieren sie.

Rezension von Oliver Gingrich
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    Archivbild des Staatsemblems der Sowjetunion im Zentrum Moskaus

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