Polens Altpräsident Walesa schreibt "Radio Maryja" offenen Brief

23. Februar 2005, 13:02
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"Klub von praktizierenden Ungläubigen, die Hass säen und den Namen der Gottesmutter besudeln"

Der polnische Altpräsident Lech Walesa hat in einem Offenen Brief dem umstrittenen Radiosender "Radio Maryja" den Krieg erklärt. Der Sender hatte am 12. Februar scharfe Kritik an Walesa geübt, unter anderem weil er in den 1980er Jahren mit der damaligen Regierung über den Übergang zur Demokratie verhandelt habe, obwohl die Kommunisten ohnehin "von allein" verschwunden wären, meldet Kathpress am Mittwoch.

"Klub von praktizierenden Ungläubigen"

Walesa bezeichnete "Radio Maryja" als "Klub von praktizierenden Ungläubigen", die "Hass säen und den Namen der Gottesmutter besudeln". Der "Solidarnosc"-Gründer appellierte an die polnischen Katholiken, dem Gründer von "Radio Maryja", Pater Tadeusz Rydzyk, keine Spenden mehr zukommen zu lassen. Pater Rydzyk sei "den Einflüsterungen des Teufels" erlegen, um "Polen und den Glauben zu Grunde zu richten".

In der Sendung am 12. Februar hatte es auch geheißen, Walesa habe es als Staatspräsident in den Jahren 1990 bis 1995 verabsäumt, die politische Elite von den Kommunisten zu säubern. Walesa konterte darauf in seinem Offenen Brief, er sei als Präsident von der gleichen Sorte von "Intriganten" umringt gewesen, wie sie auch bei "Radio Maryja" tätig sei.

"Sie bauen ein Haus ohne Fundamente"

Er habe lange nicht an der guten Absicht von "Radio Maryja" gezweifelt, betonte der Altpräsident in seinem Offenen Brief. Er begrüße es, wenn Glaubensthemen einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Daher sei es für ihn tragisch, einen katholischen Radiosender kritisieren zu müssen. Walesa richtete seine Kritik insbesondere an Pater Rydzyk persönlich: "Sie bauen ein Haus ohne Fundamente. Sie instrumentalisieren die Religion und missbrauchen den guten Willen vieler Menschen und ihre Liebe zu Maria. Das weltweite Spendensammeln, die unsinnige Interpretation von Geschichte und Politik - all das muss ein Ende haben".

Große Besorgnis

In der umstrittenen Sendung war Krzysztof Wyszkowski, ein früherer Mitarbeiter der Zeitung "Tygodnik Solidarnosci", zu Gast. Er behauptete unter anderem wörtlich, er habe seinerzeit Walesa als erstem Vorsitzenden der "Solidarnosc" die politische Existenz gerettet. Im September 1980 hätten einflussreiche "Solidarnosc"-Aktivisten wie Jacek Kuron versucht, Walesa als Agenten des kommunistischen Sicherheitsdienstes anzuprangern, um ihn aus der entstehenden Gewerkschaftsbewegung hinauszudrängen. Wyszkowski will Walesa nach eigenem Bekunden alleine gegen diese Gruppe verteidigt haben.

"Radio Maryja" wurde in der Vergangenheit wegen politischer und antisemitischer Ausritte immer wieder von der Polnischen Bischofskonferenz getadelt. Auch in Varese, der Zentrale der weltweiten "Radio Maria"-Familie, hat die Entwicklung von "Radio Maryja"-Polen größte Besorgnis ausgelöst. (APA)

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