Neue Ermittlungen über linksextremistische Brandanschlag in Italien

17. Februar 2005, 16:01
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Römische Staatsanwaltschaft rollt Verfahren gegen drei Terroristen auf

Rom - Einer der blutigsten Anschläge der "Bleiernen Jahre" beschäftigt wieder die römische Justiz und sorgt für heftige politische Spannungen. Die Staatsanwaltschaft von Rom hat Ermittlungen gegen drei Ex-Aktivisten der linksextremistischen Organisation "Potere Operaio" (Arbeitermacht) aufgenommen.

Die drei Linksextremisten Paolo Gaeta, Diana Perrone und Elisabetta Lecco werden beschuldigt, in den Brand einer Wohnung im römischen Vorort Primavalle verwickelt zu sein, bei dem im April 1973 zwei Kinder eines Lokalpolitikers der neofaschistischen Partei Movimento Sociale Italiano (MSI) bei lebendigem Leib verbrannt sind.

Die Brandstifter hatten vor die Wohnung der Familie Mattei Benzin ausgeschüttet und dieses dann angezündet. Auf der Wohnungstür war die Inschrift "Proletarische Gerechtigkeit" zu lesen. Während der MSI-Politiker Mario Mattei, seine Frau Annamaria sowie vier ihrer sechs Kinder gerettet werden konnten, kam für den achtjährigen Stefano und den 22 Jahre alten Virgilio jede Hilfe zu spät. Die von den Zeitungen veröffentlichten Fotos des kleinen Stefano, der am Fenster der brennenden Wohnung mit Russ geschwärztem Gesicht um Hilfe schrie, schockten ganz Italien.

Die Retter fanden erst nach Stunden die sich noch im Tod umarmenden Leichen der beiden Brüder. Laut Polizei hatte Mattei vor dem Anschlag mehrere telefonische Morddrohungen erhalten. Er war von linksextremistischen Kreisen unter Druck gesetzt worden, weil seine Partei im Arbeiterviertel Primavalle Anfang der siebziger Jahre stark an Popularität gewonnen hatte.

Wegen des Anschlags wurden die Linksextremisten Achille Lollo, Marino Clavo und Manlio Grillo verurteilt. Lollo verbrachte zwei Jahre in Untersuchungshaft flüchtete danach nach Brasilien, wo er sich noch heute aufhält. Seine beiden Komplizen tauchten bereits während des Prozesses unter und verbrachten keinen einzigen Tag hinter Gittern.

Vor einigen Tagen hatte Lollo kurz vor der Verjährung der Strafe in einem Interview mit der Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera" zugegeben, dass weitere drei Linksextremisten in den Brand von Primavalle verwickelt waren. Er nannte Gaeta, Perrone und Lecco als seine Komplizen

"Nach 32 Jahren hat es keinen Sinn mehr zu schweigen", hatte Lollo im Zeitungsinterview betont. Daraufhin hatte die Mutter der beiden Opfer, Annamaria, die Wiedereröffnung eines Verfahrens beantragt. Die Staatsanwaltschaft will nun weiter ermitteln.

Prozess in Rom gegen 17 Terroristen beginnt am Donnerstag

17 mutmaßliche Mitglieder der italienischen linksextremistischen Terrorgruppe "Neue Rote Brigaden" müssen sich am morgigen Donnerstag vor einem Schwurgericht in Rom wegen des Mordes an den Arbeitsrechtsexperten Massimo D'Antona im Jahr 1999 vor Gericht verantworten. D'Antona, Berater des gemäßigten Gewerkschaftsverbands CISL, war wegen seiner Bemühungen um die Reform des Arbeitsmarkts in die Schusslinie der Terroristen geraten.

Drei Jahre später, im März 2002, erschossen die "Neuen Roten Brigaden" auch den Arbeitsrechtsexperten Marco Biagi. Dieser hatte sich an einem tief greifenden Reformprojekt zur Flexibilisierung des italienischen Arbeitsmarkts beteiligt.

Zu den Terroristen, die am Donnerstag vor Gericht stehen, zählt auch die Linksextremistin Nadia Desdemona Lioce, die im Juni wegen des Mordes an einem Polizisten im Jahr 2003 zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden war. Lioce wird unter anderem wegen des Mordes an Biagi verdächtigt.

Lioce war Anfang März 2003 festgenommen worden, nachdem sie mit ihrem Komplizen Mario Galesi in eine Schießerei im Regionalzug Rom-Florenz verwickelt worden war. Dabei waren der Polizist, Emanuele, Petri und Galesi ums Leben gekommen. Im Oktober 2003 hatte die italienische Polizei neun hochrangige Aktivisten der Neuen Roten Brigaden festgenommen. (APA)

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