Pressestimmen: "Schwere Nachbeben zu erwarten"

17. Februar 2005, 08:39
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"Syrisch-libanesisches Verhältnis muß neu zu überdacht und auf gleichberechtigtere Füße gestellt werden"

zu Libanon-Krise und Syriens Rolle Schwere Nachbeben nach Hariri-Mord zu befürchten

Zürich/Frankfurt/Paris - Die Ermordung des libanesischen Spitzenpolitikers Rafik Hariri und der auf Syrien fallende Verdacht beschäftigen am Mittwoch zahlreiche europäische Pressekommentatoren:

Neue Zürcher Zeitung

"Warum ausgerechnet jetzt, nach Jahren relativer Ruhe, dieser jähe Rückfall in die finsteren Zeiten der Politikermorde und blutigen Autobomben? Auf der einen Seite verwies die Opposition auf die neuerdings verschärfte Krise im Hinblick auf die Parlamentswahlen (im Mai) und schob den Gegnern einer vollen Demokratisierung die Schuld zu. Das hinkt aber insofern, als Syrien selbst durch eine Destabilisierung Libanons gefährdet wird. Auf der anderen Seite sprach man, getreu der alten Verschwörungstheorie, von düsteren Mächten, die den Libanon als Schlachtfeld für die Kriege der anderen missbrauchen wollten. Ein Seitenblick auf die Guerilla im Irak (...) gibt freilich zu denken. Leute wie die Al-Kaida-Extremisten, welche jedes einigermaßen demokratische und für den Westen offene Regime im Nahen Osten zu Gunsten ihrer Kalifats-Utopie stürzen wollen, könnten das Zedernland als geeignet für eine Provokation mit maximalen Auswirkungen ausersehen haben."

Handelsblatt, Düsseldorf

"Dass sich ausgerechnet Syrien hinter dem Attentat verbergen soll, ist nach aller Logik kaum vorstellbar. Damaskus steckt zu tief in außenpolitischen Problemen, um sich noch zusätzlichen Ärger einhandeln zu wollen. Denn gleichzeitig sieht sich Damaskus zunehmend isoliert. (...) Mit dem Einfluss auf Beirut lässt sich noch ein wenig orientalische Geopolitik betreiben. Auch deshalb war Hariri in Damaskus nicht unbedingt beliebt. Denn der Ex-Premier, der kurz vor seinem politischen Comeback stand, galt als offensiver Verfechter eines syrischen Truppenabzugs. Doch genügt dies, um allein auf Damaskus mit dem Finger zu deuten? Wohl kaum. Denn das regionale Störpotenzial ist nahezu unerschöpflich. Und es gibt genügend Islamisten, denen allein das liberale Gesellschaftsbild des Milliardärs Hariri ausreichte, um ihn zum Feind zu erklären."

Süddeutsche Zeitung

"Was zur raschen US-Schuldzuweisung nicht passt: es gibt ein Bekenner-Video. Darin übernimmt eine unbekannte Islamistengruppe die Verantwortung, zum Wohle 'unserer Brüder in Saudiarabien' habe man Hariri 'exekutiert'. Das soll ein Hinweis darauf sein, dass der milliardenschwere Ex-Premier und Unternehmer auch in Saudiarabien seine Geschäftsinteressen verfolgte. Und somit aus Sicht der Extremisten das den Islamisten verhasste saudische Königshaus stützte. Das Video bezeichnet ihn als einen saudischen Agenten. Beweise aber fehlen. (...) Das Video könnte auch ein Ablenkungsmanöver sein, und die Täter wohl doch in Syrien oder innerhalb der mit Damaskus kooperierenden libanesischen Führung sitzen."

Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Als 1976, auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs, syrische Truppen im Libanon einrückten, wurden sie - dies war eine Geste des freundlichen Willkommens - mit Reis beworfen. Diese Zeiten sind lange vorbei. Die Anwesenheit vieler tausend syrischer Soldaten wird von der Mehrzahl der Libanesen als persönlich bedrückend und als lähmend für das Land empfunden. Nie war der Widerstand gegen Damaskus so groß wie heute, was dem ehemaligen Ministerpräsidenten Hariri jetzt wohl zum Verhängnis wurde. Wenn er an diesem Mittwoch bestattet wird, patrouilliert die Armee wieder in den Straßen der Hauptstadt Beirut. Das weckt ungute Erinnerungen. Der Ermordete stand für den Willen der Libanesen, endlich ihr Geschick in die eigenen Hände zu nehmen. Nun steigen, ohne dass man es will, jene Bürgerkriegsgespenster wieder am Horizont auf, die man schon für gebannt hielt."

Le Figaro

"Der Mordanschlag auf Hariri zählt zu jenen Ereignissen, die schwere Nachbeben heraufbeschwören. Unausweichlich zeichnet sich die Gefahr eines Rückfalls in den Bürgerkrieg ab, der den Zedernstaat 15 Jahre lang zerrissen hat. Die Warnung fällt umso deutlicher aus, als das Land noch immer im Griff der Syrer ist. Der frühere Regierungschef stand für eine gewisse Normalisierung. Doch mit dem Anschlag ist die ruhige Entwicklung unterbrochen. Nur eine gut koordinierte Anstrengung der internationalen Gemeinschaft wird es dem Libanon gestatten, eines Tages seine Souveränität wiederzufinden und der Spirale der Gewalt zu entkommen."

"Le Canard enchainé" (Paris):

"Auf die Frage, wer Interesse daran hätte, diesen Geschäftsmann und Politiker zu ermorden, fällt einem als erstes Syrien ein. Und das umso mehr, als Hariri seit seinem Rücktritt die Unterstützung der USA und Frankreichs genoss (...) Gewisse Fraktionen mögen versuchen, den Blick auf Länder wie den Iran oder gar Israel zu lenken. Andere mögen vortragen, dass Hariri auch das Opfer einer persönlichen Abrechnung sein könnte. Dennoch kann Syrien schwerlich verhindern, verdächtigt zu werden."

General-Anzeiger Bonn

"Niemand weiß, ob die Täterschaft jemals jemandem konkret zugeschrieben werden kann. Aber alle Blicke richten sich der Logik und der Erfahrungen wegen nach Damaskus. Irak, Iran und Syrien haben schon den Oslo-Friedensprozess hintertrieben. Wenigstens der Irak bezahlt keine Prämien mehr an Familien von Selbstmordattentätern und rüstet Terrorgruppen nicht länger mit Waffen aus."

taz, Berlin

"Der Anschlag hat erneut eine bereits vorhandene Dynamik in der libanesischen Politik verstärkt, die den syrischen Einfluss einschränken möchte. Selbst vorsichtige Kommentatoren sprechen davon, dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, das syrisch-libanesische Verhältnis neu zu überdenken und auf gleichberechtigtere Füße zu stellen. An dieser Forderung wird sich auch dann nichts ändern, wenn sich am Ende herausstellen sollte, dass Syrien nicht an der Planung des Attentats beteiligt war." (APA/dpa)

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