Verletztes Tabu, gefoltertes Mädchen

26. Februar 2005, 15:42
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Auftakt im Prozess um Misshandlungen von Zehnjähriger: Eltern belasten sich gegenseitig

Wien - Jaqueline hat ein Tabu verletzt. Weil sie sich ständig selbst befriedigt hat. Sagt zumindest ihr Vater. Und versucht damit zu erklären, warum die Zehnjährige von ihm und ihrer Stiefmutter verprügelt, verbrannt, gefesselt, vergewaltigt und geschnitten worden sein soll.

"Einzigartig" sei der Fall, selbst lang gediente KollegInnen hätten so etwas noch nie erlebt, schildert Staatsanwalt Christian Temsch in seinem Eröffnungsplädoyer am Dienstag im Wiener Landesgericht. Mindestens sechs Wochen sei das Mädchen im Herbst 2003 in der elterlichen Wohnung in Wien-Floridsdorf gemartert worden, vier Delikte, von schwerem sexuellem Missbrauch von Unmündigen bis zu absichtlicher schwerer Körperverletzung, klagt Temsch an. Mögliche Höchststrafe: 15 Jahre Haft.

Dass Jaquelines Schädel und Rippen gebrochen wurden, dass neun Prozent ihrer Hautoberfläche verbrannt sind und sie ihr Leben lang entstellt bleiben wird, bestreiten auch die VerteidigerInnen nicht. Wer daran Schuld trägt, ist für die Rechtsvertreter weniger klar: Die Angeklagten belasten einander gegenseitig.

Sasa J., der 28-jähriger Vater mit fünf Kindern aus zwei Beziehungen, gibt sich völlig geknickt. Ja, er habe seine Tochter geohrfeigt, er habe sie gegen den Brustkorb getreten, er habe sie gefesselt und teilweise die ganze Nacht am Bett festgezurrt, gesteht er. Das seien aber Erziehungsmaßnahmen gewesen, nachdem ihm seine Frau erzählte hatte, das Kind würde sich ständig selbst befriedigen. Bemerkt habe er das zwar nie, aber der Frau vertraut.

Wie er ihr überhaupt "hörig" gewesen sei, aus Angst, die Familie könnte zerbrechen, versucht er zu verdeutlichen. Deshalb sei er mit Jaqueline auch dann nicht zum Arzt gegangen, als sie angeblich von der Stiefmutter mit einem Bügeleisen und einem erhitzten Löffel verbrannt worden ist. Bei seiner Schilderung, bei diesen Vorfällen immer erst später dazu gekommen zu sein, verwickelte er sich allerdings in Widersprüche. Erst als die Stiefmutter das Kind am 28. November mit einem Messer tief in den Unterarm schnitt, fuhr er ins Krankenhaus - und erzählte dort, das Mädchen sei von einem Unbekannten entführt worden.

Doch auch die 27 Jahre Suzana stellt sich als Opfer dar. Sie habe das Mädchen nur einmal geohrfeigt, für alles andere sei der Vater verantwortlich. Auch sie selbst sei immer wieder von ihm geschlagen worden, beteuert sie.

Am Montag wird ein Video mit der Aussage des Mädchens präsentiert, in dem dieses ihre Stiefmutter als Haupttäterin belastet. Jacqueline lebt heute bei ihrer leiblichen Mutter. (DER STANDARD, Printausgabe 16.02.2005)

Michael Möseneder
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