Mitterrands virtuelle Rückkehr

15. Februar 2005, 19:27
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Politik wird Fiktion: Nach Hitlers "Untergang" in Deutschland kommt in Frankreich am Mittwoch Francois Mitterrands Niedergang in die Kinos

Aufschlussreich an dem Film, der auch im Wettbewerb der Berliner Filmfestspiele läuft, ist, wie in Paris üblich, was er nicht zeigt.


Der Abend ist weit fortgeschritten, als der Kellner das Silbertablett mit dampfenden Fettammern hereinbringt. Der Staatspräsident legt sich eine weisse Serviette über das Haupt, seine Gäste tun es ihm gleich, und alle erhalten einen dieser kleinen Vögel, die in ihrem Blut und Fett schwimmen. Unter den Tüchern versteckt, hören die Gäste Kaugeräusche aus der Richtung des Präsidenten und machen sich nun ebenfalls an die an sich geschützte Delikatesse.

Sie zerbeißen die Knöchelchen, schlucken das Köpfchen und die Flügelchen und schieben sich den Rumpfknollen in den Mund. Nach getanem Werk entledigen sich alle des Tuches; der krebskranke Präsident lehnt sich mit einem glücklichen Lächeln zurück, im Wissen, dass er wenige Tage später sterben wird.

Dieser letzte Silvesterschmaus François Mitterrands fand 1995 in seinem Ferienhaus in Latché (Südwestfrankreich) statt. Beschrieben wird er in einem Buch des französischen Autors Georges-Marc Benamou; Mitterrand-Vertraute bestätigten die seltsame Szene später. Seltsamerweise fehlt sie aber in dem Film Le promeneur du Champ de Mars (Der Spaziergänger auf dem Marsfeld), für den Benamou aufgrund seines Werkes das Drehbuch verfasste.

Dabei dreht sich der Film gerade um Mitterrands Sterben und das letzte Aufbäumen dagegen. Dargestellt von Michel Bouquet, durchlebt der Präsident das Ende seiner Amtszeit im Elysée, die Wahl seines Nachfolgers Jacques Chirac und schließlich den längst entschiedenen Kampf gegen seinen Krebs. Benamou (gespielt von Jalil Lesperet) wird dabei zum Studenten, den sich der greise Präsident als letzten Gesprächspartner und Chronisten wählte - zumindest behauptete dies Benamou nach Mitterrands Tod.

Das Erscheinen des Buches hatte 1997 eine wüste Polemik ausgelöst. Der Mitterrand-Klan stürzte sich auf den Pariser Dandy Benamou und warf ihm vor, er stelle den Staatschef als Machtzyniker und verkappten Antisemiten dar. Acht Jahre später können "Mitterrandisten" bei den Privatvorführungen kurz vor der Filmpremiere ihre Tränen nicht zurückhalten; zum Teil finden sie gar lobende Worte für inhaltliche und schauspielerische Qualitäten. Der ehemalige Außenminister Hubert Védrine erklärte etwa, ein Film über den verstorbenen Präsidenten sei grundsätzlich zulässig, wenn man die Fiktion nicht mit der historischen Realität verwechsle.

Bloß gehen die Hüter des Mitterrand'schen Grals mit der Realität selbst etwas gar großzügig um. Sie drohten Benamou offen mit einer Gerichtsklage, falls gerade die wenig bekömmliche Fettammer-Szene ins Bild gesetzt würde. Der aus Marseille stammende Regisseur Robert Guédigian und Benamou beugten sich. Die Zeit der Polemik sei vorbei, meinen sie: Es gehe ihnen nicht um Politik, sondern um die Person des Präsidenten.

Also präsentieren sie einen Todgeweihten, der Macht und Liebe hinter sich lässt, noch zwischen Gott und Dionysos schwankt und seinen Abgang selber inszeniert. Wie beim deutschen Streifen über Hitlers "Untergang" steht das menschliche Schicksal im Vordergrund; die Politik dient bloß noch als Kulisse. Natürlich besteht - ist diese Feststellung heutzutage bereits nötig? - kein Vergleich zwischen Hitler und Mitterrand; der "Spaziergänger" auf dem Marsfeld des Eiffelturms weckt Mitgefühl, wo der andere Abscheu hervorruft. Aber in beiden Fällen wird der "humane" Aspekt der Hauptfigur genutzt.

Biedere Rezepte

Mitterrands rhetorisch brillante, oft druckreife Worte wirken in dem Film nur noch wie belanglose Floskeln: "Ich bin der letzte der großen Präsidenten", sagt der fiktive Mitterrand etwa in dem Spielfilm, und seinem jungen Begleiter gibt er keine staatsmännischen, sondern bieder-männliche Rezepte auf den Weg: "Wählen Sie die älteren Frauen, vor allem die aus dem Norden. Die verfügen über eine wirkliche Schwere, anders als die mediterranen Frauen."

In den Hintergrund rücken so Fragen, die über die 80er-Jahre hinaus die Franzosen bewegten und viel beitrugen zur Ernüchterung der europäischen Linken: War Mitterrand überhaupt Sozialist? Knickte er nicht selbst die rote Rose, nachdem er bei seinem Machtantritt 1981 versprochen hatte, er wolle den Franzosen "das Leben ändern"? Der Film begnügt sich mit ein paar verächtlichen Sätzen des Ex-Präsidenten über die Jospinisten und Rocardisten: "In ein paar Jahren werden sie tun, als hätte ich nicht existiert."

Die exemplarische Debatte um Mitterrands Rolle im Zweiten Weltkrieg und sein Wechsel von Vichy in die Résistance birgt in Frankreich heute weiterhin Zündstoff, da sie bis heute nie zu Ende geführt wurde. Der Film nimmt das Thema auf, indem der Student alias Benamou den Präsidenten mit einem "kleinen Irrtum" konfrontiert: Das von Mitterrand gezeigte Erinnerungsfoto seiner Résistance-Zeit stamme nicht wie behauptet von 1942, sondern von 1943 (als Vichy bereits auf verlorenem Posten stand).

Benamou setzt noch einen drauf und fragt Mitterrand, warum er die Verantwortung des französischen Staates an den Judendeportationen nie eingestanden habe (Chirac holte dies später nach). "Frankreich hat damit nichts zu tun", erbost sich der Filmpräsident. "Die jüdische Gemeinschaft will, dass ich vor ihr niederknie, aber das werde ich nicht tun." Die Art, wie hier Geschichtschronik und freie Fantasie zu einem (kommerziell nutzbaren) Mix vermengt werden, beruht auf dem gleichen Prinzip wie die so genannten "Romenquêtes", zu Deutsch etwa "Roman-Reports", die in Paris in Mode sind. Ihr Wirklichkeitsgehalt entspricht in etwa den "Docu-Fictions" (Doku-Soaps), einer neuen Version der französischer Realityshows.

Mitterrand bleibt derweil weiterhin en vogue: Eine Woche nach dem Film über seine letzten Tage wird seine uneheliche Tochter Mazarine Pingeot ihr neustes Buch Bouche cousue (wörtlich: "mit zugenähtem Mund") herausgeben.

Die heutige Schriftstellerin und Journalistin schildert darin ebenfalls die späten Jahre ihres Vaters, allerdings aus der Sicht der kleinen Tochter, deren Existenz als eigentliches Staatsgeheimnis vor der Öffentlichkeit verschwiegen wurde. An sich hat Mazarine in Büchern schon mehrmals erzählt, wie Mitterrand sie täglich anrief und fast so oft besuchte, um ihr dabei abends am Bett französische Literatur vorzulesen. Trotzdem wird das Buch in einer Auflage von 200.000 Stück erscheinen. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.02.2005)

Von
Stefan Brändle aus Paris
  • Die letzten Tage eines politischen Giganten, wie man sie in Frankreich gerne verklärt: Michel Bouquet (li., als Fran¸cois Mitterrand) und Jalil Lesperet in "Der Spaziergänger vom Marsfeld".
    foto: berlinale

    Die letzten Tage eines politischen Giganten, wie man sie in Frankreich gerne verklärt: Michel Bouquet (li., als Fran¸cois Mitterrand) und Jalil Lesperet in "Der Spaziergänger vom Marsfeld".

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