Die Wende im ORF

27. Dezember 2005, 17:08
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Kaum waren die Minister von ÖVP und FPÖ am 4. Februar 2000 angelobt, lieferten sie ein Musterbeispiel für eine politische Wende auch im ORF

Kaum waren die Minister von ÖVP und FPÖ am 4. Februar 2000 angelobt, lieferten die beiden neuen Regierungsparteien ein Musterbeispiel für eine politische Wende auch im ORF.

  • Keinen Monat ließen Schwarz und Blau nach der Angelobung verstreichen, bis ÖVP und FPÖ auch die Mehrheit im Aufsichtsrat des ORF übernahmen, der damals noch Kuratorium hieß. Fünf Regierungskuratoren der SPÖ mussten das Gremium verlassen, und schon kam die neue Regierung auf eine einfache Mehrheit im ORF.

  • Das reicht noch lange nicht für eine Wende. Generalintendant ist damals Gerhard Weis. Der durchaus Bürgerliche war als Kandidat der SPÖ zu dem Job gekommen. Und wie Bundespräsident Thomas Klestil, mit dem sich Weis gut verstand, hielt sich seine Begeisterung für Schwarz-Blau während der monatelangen Regierungsverhandlungen in Grenzen.

  • ÖVP-Klubchef Andreas Khol und vor allem sein damaliges FPÖ-Pendant Peter Westenthaler ließen sich selbst ins Kuratorium entsenden. Nicht nur dort machten sie Weis und dem ORF Ärger. ORF-Redakteure berichteten von "Interventionsbombardements" des FP-Mannes mit bis zu 22 Anrufen pro Tag.

  • Höhepunkt des blauen Terrors: Westenthaler droht Weis mit einer "Milliardenklage", weil er sich aufgrund eines Abkommens mit den Zeitungsverlegern Werbeeinnahmen entgehen lasse. Die Drohung verläuft im Sand, doch Weis wird durchaus mürbe.

  • "Nicht reizen, nicht füttern, nicht in den Käfig gehen", gibt der ORF-General seinen Mitarbeitern als Parole für den Umgang mit ÖVP und FPÖ aus. Er füttert lieber selbst, zieht zum Beispiel den "ZiB 2"-Chef ab, der Westenthaler besonders stört. In der Sonntagabenddiskussion lässt der Mann, entnervt von Interventionen, Westenthaler per Telefon in die laufende Sendung schimpfen. In Weis' Amtszeit fällt auch das so genannte Selbstinterview von Jörg Haider in "Kärnten heute". Aufgezeichnet hatte es Haiders Pressesprecher. Und Elmar Oberhauser überzieht für Plaudereien mit den FP-Granden Susanne Riess-Passer und Jörg Haider den Sonntags-Sport bis weit in die Sendezeit der "ZiB 1".

  • Weis muss trotzdem vor Ablauf seiner Amtszeit weg. Ein eigenes ORF-Gesetz gibt den Anlass für vorzeitige Neuwahlen. Weis unterliegt Monika Lindner, mit einer Ausnahme alle schwarzen und blauen Aufsichtsräte des ORF ihre Stimme geben.

  • Bis auf den kaufmännischen Direktor müssen auch alle Mitglieder des Managements gehen. Gleich darauf wird Werner Mück Chefredakteur der TV-Information, die Chefin des ORF-"Report" wird ebenfalls ersetzt. Nur in Radiochefredaktion kann sich einer halten, der der SPÖ zugerechnet wird. Sonst wechselten die Besetzungen munter auf den weiteren Ebenen. Wie nach noch jeder politischen Wende auf dem Küniglberg. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.2.2005)
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