Programm: "Warum kriegt ihr TV-Gebühren?"

27. Dezember 2005, 17:08
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Andrea Schurian verließ den ORF Ende 2002 "unter Protest", als die Anstalt die "Kunst-Stücke" einstellte

Andrea Schurian verließ den ORF Ende 2002 "unter Protest", als die Anstalt die "Kunst-Stücke" einstellte. Als freie TV-Journalistin hätte sie besser nicht auf dem Podium Platz genommen, sagt sie: "Was immer ich gegen den ORF sage, könnte bedeuten: keine Aufträge mehr vom ORF. Was immer ich gegen die Privaten sage, könnte bedeuten: keine Aufträge mehr für die Privaten. Der Markt hier ist derartig klein, dass ich nicht hier sein sollte."

Sie kam dennoch und schonte beide Seiten nicht. Die Privatsender konnten nichts beitragen zu einer Vielfalt für Menschen, denen es um Inhalte gehe. Im Gegenteil: "Der ORF nähert sich immer mehr den Privatsendern an." Sieht Schurian wochenends fern, glaubt sie ORF 1, Sat.1 und RTL von einem "zentralen Programmverwaltungskomitee" gesteuert.

Das bestätigt auch Klaus Unterberger, wiewohl ORF-Redakteur: "Die öffentlich-rechtlichen Sender sind derart im Abwehrkampf mit den Privaten verstrickt, dass sie ihre Kernkompetenz vernachlässigen." Die Programme seien verwechselbar, "Kritiker und Zuschauer wissen nicht mehr, ob sie privat oder öffentlich-rechtlich sehen." Unterberger: "Wir müssen uns die Frage gefallen lassen: Warum kriegt ihr Gebühren?"

Unterbergers kaufmännischer Direktor weiß darauf natürlich nicht nur eine Antwort. "Wir müssen jedes unserer Programme in bestmöglicher Qualität machen", sagt Alexander Wrabetz: "Wir können uns aber nicht alleine auf anspruchsvolles Programm beschränken. Dann können wir unsere Relevanz im Markt nicht gewährleisten." Und ohne diese Relevanz, sprich Zuschauerzahlen, auch keine Zuschauer für den "Rosenkavalier" aus Salzburg, für Politik, Wissenschaft und Kultur.

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Kleine Länder in größeren Sprachräumen brauchten starke öffentlich-rechtliche Anstalten - für ihre Produktionswirtschaft, für die nationale Identität, sagt Wrabetz.

Das Stichwort bringt Gerfried Sperl, Chefredakteur des STANDARD, auf Sport im ORF: Geht es da um "nationale Identität" oder nicht viel mehr um "Patriotismusproduktion", "Selbstbeweihräucherung"?

"Sie glauben, der ORF erfüllt seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag", setzt Heide Schmidt an die Adresse des ORF-Direktors nach: "Wir glauben es nicht.

Der Auftrag sei breiter zu definieren als "Information und Kultur", hält Wrabetz dagegen: "Schlosshotel Ort" etwa mag nicht zum Kernauftrag der Anstalt gehören. Doch ATV und Puls schafften noch lange keine so "qualitätvolle Unterhaltung mit österreichischen Schauspielen, österreichischen Produzenten, die in Österreich spielt".

... Verdummung

"Ich würde mir wünschen, dass Sie ,Schlosshotel Orth' auch nicht im eigenen Kopf als Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Auftrags definieren."

Wrabetz ist damit freilich nicht ganz allein. Jedenfalls wenn es nach dem Bericht einer ORF-Mitarbeiterin aus dem Publikum geht: Gebührenzahler beschwerten sich lautstark beim Kundendienst, sobald eine Übertragung aus dem Nationalrat "Reich und schön" verdrängt. Oder wenn der ORF keine Bundesliga überträgt, wo man doch Gebühren zahlt. Kaum zu glauben, dass sich Anrufer beim ORF-Kundendienst beschwerten, warum im Vorarlberger Schneechaos Räumfahrzeuge fehlen. "Wie ist eine Rückführung zum Qualitätsfernsehen möglich, wenn das Publikum in seinen Ansprüchen schon so verbildet ist?" fragt die Mitarbeiterin.

Peter Huemer leitete vor seiner Zwangspensionierung lange Jahre "Club 2" und "Im Gespräch". So schlecht wie sein Ruf, in dem er ein "Versagen der Geschäftsleitung" ausmacht, sei das ORF-Fernsehen nicht, jedenfalls nicht ORF 2.

Doch Huemer erkennt auch die Tendenz des ORF, "das Publikum zu unterschätzen". "Wer das Publikum unterschätzt, beleidigt es damit systematisch." Für Huemer mit ein Grund für das miese Klima gegenüber der Anstalt.

"Auch elektronische Medien können einen Beitrag zur Intellektualisierung leisten - oder zur Verdummung", sagt Schmidt. "Der ORF orientiert sich hier an der leichteren dieser beiden Möglichkeiten."

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk müsse sich zur Aufgabe machen, "Menschen mitdenken zu lassen", statt Banalität, Trivialität und Vereinfachung das Wort zu reden. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.2.2005)

  • Andrea Schurian und Heide Schmidt.
    foto: der standard/hendrich

    Andrea Schurian und Heide Schmidt.

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