Sperre aller Ausgänge

16. Februar 2005, 20:07
26 Postings

Es war gestern. Wie käme er, schäumt T., dazu, sich immer wieder einem doppelten Pauschalverdacht ausgesetzt zu sehen...

Es war gestern. Aber wenn sich T. nicht echauffiert hätte, wäre mir die Sperre nicht einmal aufgefallen: Ich wäre, meinte T. nachdem ich meinen Ausweis wie ein Schlafwandler gezogen, gezeigt und wieder eingesteckt hatte, der Traum des großen Bruders. Die Idealbesetzung des unkritischen Untertanen. Das Rolemodel des willfährigen Staatsbürgers.

T. ist das nicht. Im Gegenteil. Das Szenario, referiert er, sei nämlich entwürdigend. Und ehrabschneiderisch. Wie käme er, schäumt T., dazu, sich immer wieder einem doppelten Pauschalverdacht ausgesetzt zu sehen? Jedes andere Unternehmen, das seine (zahlenden) Kunden permanent und prinzipiell verdächtige, sich die bezahlte Leistung zu erschleichen, riskiere, seine Kunden zu verlieren. Erst recht, wenn dem Generalverdacht mit einem massiven Polizeiaufgebot auch gleich noch die Botschaft „wir halten euch außerdem auch noch für gewalttätig“ angehängt werde. Mein T.

Lämmer wie ich

Dass Lämmer wie ich, briet mir T. noch eins über, bei massierten Fahrscheinkontrollaktionen in U-Bahnstationen nicht protestierten, sei bezeichnend. Bezeichnend für meine – also die allgemeine – Kritiklosigkeit gegenüber einer anmaßenden, arroganten und immer autoritärer agierenden Obrigkeit, meint T. Die „Sperre aller Ausgänge“ in der U-Bahn sei nämlich ein weiteres Mosaiksteinchen auf dem Weg zum totalitären System ­– und wir, die Unkritischen, würden dazu auch noch applaudieren.

Beschwerde

T. hat sich beschwert. Bei den Wiener Linien. Nicht über die Kontrollore, sondern über die Kontrolle. Über das System. Das Publikum, habe man ihm bei der Beschwerdestelle erstaunt mitgeteilt, wünsche, fordere und begrüße aber derartige Zeichen. Als symbolhafte Handlung. Ein Gottesbeweis, sozusagen: Es gibt sie eben doch, die starke, ordnende Hand. „Das Traurige an der Sache“, seufzt T., „ist, dass ich ja auch glaube, dass die Wiener Linien damit einen Wunsch der Mehrheit erfüllen.“

Stänkerer und Schläger

Ärgerlich findet T. das trotzdem: Massierte Fahrscheinkontrollen an Großumsteigstellen zur Hauptverkehrszeit würden die Sicherheit nicht steigern. „Ich bin in den letzten Jahren drei Mal Stänkerer und Schlägern in den Öffis nur knapp entkommen – aber natürlich war da weit und breit kein Organ der Wiener Linien zu sehen. Mein Sohn wird in manchen U-Bahn Stationen und Straßenbahnlinien ständig von Drogendealern angeredet – aber dort kann von einer Präsenz der Staatsmacht keine Rede sein.“

Ein bisserl, sagt T., komme ihm die „Sperre aller Aufgänge“ wie das Muskelaufpumpen im Fitnesscenter vor: „Das ist der Waschbrettbauch des Rechtsstaates. Muskelspiele, die keiner braucht – die aber von den echten Problemzonen wundervoll ablenken.“

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

    Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken. "Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

    Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken. "Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

Share if you care.