"Es gibt keine Klage gegen mich"

16. Februar 2005, 15:05
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Der Premierminister des Kosovo und
ehemalige UCK-Kommandant Ramush Haradinaj im STANDARD-Interview

Der Premierminister des Kosovo, Ramush Haradinaj, präferiert den Einfluss der Amerikaner während der Statusverhandlungen fürchtet sich aber nicht vor der Position Russlands. Mit dem ehemaligen UCK- Kommandanten sprach Adelheid Wölfl.

STANDARD: Sind Sie nach Wien gekommen, weil der serbische Präsident Boris Tadic in den Kosovo gefahren ist?

Haradinaj: Nein, das war wirklich ein Zufall. Wir sind aber bereit, direkte Kontakte mit der serbischen Regierung aufzubauen. Entschuldigungen von kosovarischer, von serbischer Seite sollten gemacht werden.

STANDARD: Der serbische Premier Vojislav Kostunica will aber nicht mit Ihnen reden.

Haradinaj: Es gibt schon Kontakte mit seinem Büro. Belgrad muss eine andere Haltung einnehmen, wenn es den Kosovo-Serben helfen will.

STANDARD: Was erwarten Sie sich von den Statusverhandlungen 2005?

Haradinaj: Dieses Jahr wird vieles in Bezug auf die Unabhängigkeit des Kosovo gelöst werden. Aber es könnte sein, dass danach noch Punkte abgeschlossen werden müssen.

STANDARD: Serbien will einer Unabhängigkeit des Kosovo nicht zustimmen. Was könnte der Deal sein?

Haradinaj: Für Serbien ist es das Beste, bei der EU zu sein. Wir hoffen, dass Brüssel Belgrad ein konkretes und klares Angebot für einen EU-Beitritt geben wird. So wie wir das für uns selbst erwarten.

STANDARD: Erwarten Sie eine Anklage vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag?

Haradinaj: Es gibt keine Klage gegen mich. Es gibt nur Anschuldigungen, die vom früheren Regime in Belgrad fabriziert wurden. Ich erwarte also die Bestätigung, dass es gegen mich keine Ermittlungen mehr gibt.

STANDARD: Fürchten Sie Unruhen im Kosovo während der Statusgespräche?

Haradinaj: Wenn es in Richtung Unabhängigkeit geht, wird es keine Schwierigkeiten geben.

STANDARD: Wie sehen Sie eine Europäisierung des Kosovo?

Haradinaj: Wir sind froh, dass Europa und die USA im Kosovo gut zusammenarbeiten. Aber während der Statusgespräche - erlauben Sie mir das zu sagen - bevorzugen wir die Rolle der USA.

STANDARD: Befürchten Sie, dass Russland einer Unabhängigkeit nicht zustimmen wird?

Haradinaj: Ich denke, Russland wird zustimmen. Da gibt es eine ganz neue Einstellung. Russland wird beweisen, für das Richtige einzustehen.

STANDARD: Spielt Österreich eine Rolle?

Haradinaj: Wenn die Statusgespräche hier stattfinden, sind wir froh. Zudem wird Österreich 2006 die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen.

(DER STANDARD, Printausgabe, 16.2.2005)

Zur Person

Ramush Haradinaj, 36, ehemals Kommandant der Kosovobefreiungsarmee (UCK). Haradinaj ist Chef der Partei "Allianz für die Zukunft des Kosovo" (AAK) und seit Dezember 2004 Premierminister.

Nachlese: Kosovo-Politiker Ivonovic: "Problemlösung durch Dialog"

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    foto: standard/corn
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