Französinnen dürfen ihren Familiennamen weiterreichen

15. Februar 2005, 14:13
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Eine Regelung aus dem 12. Jahrhundert ist mit Jahresanfang gefallen

Paris - In Frankreich ist eine der letzten Männer-Bastionen gefallen. Das eherne Gesetz, nach dem ein französisches Kind den Namen seines Vaters tragen musste, gibt es seit dem 1. Jänner 2005 nicht mehr. Ob es sich allerdings um eine Revolution oder nur um Augenwischerei handelt, bleibt umstritten.

"Es ist eine Revolution, denn die Vaterschaft wird nicht mehr einem göttlichen Recht gleichgesetzt" - Frederic-Jerome Pansier, Richter in Bobigny, wittert historische Umwälzungen. "Man wollte auf modern machen", meint dagegen deutlich weniger enthusiastisch Francoise Dekeuwer-Defossez, Professorin für Bürgerliches Recht in Lille.

Regelung aus dem 12. Jahrhundert

Tatsächlich änderte das Gesetz eine Regel, die auf das 12. Jahrhundert zurückgeht. Kinder trugen den Namen des Vaters und damit basta. Im heutigen Frankreich, wo 45 Prozent der Kinder außerehelich geboren werden, gerieten aber die Dinge allmählich durcheinander. Uneheliche Kinder erhielten den Namen desjenigen Elternteils, der sie als erster anerkannte. Taten dies beide Eltern zusammen, trug das Kind den Namen des Vaters. In den meisten europäischen Ländern herrscht hingegen längst Gleichberechtigung bei der Namensvergabe - Belgien und Italien bestehen noch darauf, dass der Name des Vaters weitergereicht wird.

Allmählich setzte sich auch im Pariser Parlament die Einsicht durch, dass das starre Namensrecht der angestrebten Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau widerspricht. Nur wird sie mit dem neuen Gesetz noch immer nicht erreicht: Wenn nämlich Uneinigkeit zwischen den Eltern besteht, welchen Namen das Kind tragen soll, gewinnt der Vater. "Das heißt, wenn der Vater will, dass sein Kind seinen Namen trägt, dann hat die Mutter nichts mehr zu melden", stellt Dekeuwer-Defossez fest.

Aber auch in Österreich ist die Gleichstellung in dieser Hinsicht noch nicht ganz erreicht: Das österreichische Gesetz gibt dem Familiennamen des Mannes zwingend Vorrang, wenn sich die verheirateten Eltern nicht auf einen Familiennamen für das Kind einigen können und bei der Eheschließung für diesen Fall auch keinen festgelegt haben.

Wirkung

Dennoch wird das Gesetz nicht ohne Wirkung bleiben. So soll es etwa das Verschwinden der Namen alter Adelsfamilien verhindern. Seit Jänner können Mütter mit einem "de" (von) oder anderen aristokratischen Partikeln im Namen diesen an ihren Nachwuchs weiterreichen. Wie wichtig diese Titel in Frankreich sind, zeigt das Beispiel von Ex-Präsident Valery Giscard d'Estaing, der jahrelange bürokratische Prozeduren in Kauf nahm, um das "d'Estaing" eines entfernten Verwandten an seinen Namen anhängen zu dürfen.

Mehr zu Doppelnamen auf der folgenden Seite.

Auch Doppelnamen sind ab sofort möglich. Wenn also Herr Dupont und Frau Durand ein Kind haben, dann kann es Dupont, Durand, Dupont--Durand oder auch Durand--Dupont heißen. Der Doppelbindestrich, der den Neu-Namen einen Hauch von Morse-Alphabet gibt, soll die angeheirateten Doppelnamen von Original-Doppelnamen wie zum Beispiel dem des Malers Toulouse-Lautrec unterscheiden.

Und in der folgenden Generation gibt es wieder neue Varianten des Verwirrspiels: DoppelnamensträgerInnen dürfen zwar nur einen ihrer beiden Namen weiterreichen, bestimmen aber selber, welcher es sein soll. Wenn also zwei DoppelnamensträgerInnen ein Kind in die Welt setzen, dann gibt es für dessen Familiennamen sage und schreibe 14 verschiedene Möglichkeiten.

Nutzung

Bisher scheinen die Franzosen und Französinnen die Neuregelungen wenig zu nützen. In der 150.000-EinwohnerInnen-Stadt Brest in der Bretagne gab es nach Auskunft der Standesbeamtin Claudine Picard zwischen dem 1. Jänner und dem 4. Februar 428 Geburten. 408 Eltern entschieden sich für den Namen des Vaters, 16 wählten einen Doppelnamen mit dem des Vaters vorneweg, drei die Doppelvariante mit dem Namen der Mutter voran und ein Paar beschloss, nur den Namen der Mutter weiterzureichen.

Maßgeblich geändert hat sich damit vor allem das Leben der StandesbeamtInnen: "Es ist ein sehr kompliziertes Gesetz", sagt Picard, "und das kann man den Leuten auch nicht in fünf Minuten erklären." Manche Eltern dürften sich wohl noch wundern. So ist es laut Claudine Picard möglich, dass bei einer "biologischen Familie" je nach dem Zeitpunkt der Geburten und der Anerkennung der Vaterschaft vier Geschwister vier verschiedene Familiennamen tragen. (APA/red)

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