Atletic Bilbao - mehr als Fußball

21. Februar 2005, 17:20
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1898 von englischen Arbeitern gegründet, wurde der Gegner der Wiener Austria rasch ein Hort des baskischen Nationalismus

Wien - Natürlich braucht sich die Austria nur mit den sportlichen Meriten des kommenden Gegners im UEFA-Cup zu beschäftigen. Am Mittwoch (20.45, Premiere) gastiert Athletic Bilbao, Spaniens achtfacher Meister und 23facher Cupsieger, zum Hinspiel der Runde der letzten 32 im Wiener Ernst-Happel-Stadion.

Die Basken sind in der Primera Division schon neun Spiele ungeschlagen, am Sonntag erreichten sie zu Hause gegen Betis Sevilla trotz eines 0:3-Rückstands nach 23 Minuten noch ein 4:4, Austria-Beobachter Manfred Kern war ziemlich beeindruckt. Urzaiz (2), Gurpegui und Yeste trafen für Bilbao, Yeste bereitete die ersten drei Tore vor.

Die Namen weisen darauf hin, bei Bilbao sind mit Ausnahmen von Trainern wie ÖFB-Exteamchef Helmut Senekowitsch (Juli 1979 bis September 1980) eigentlich nur Basken gefragt. Wobei es in neuerer Zeit reicht, schon als Kind in Euskadi, also im spanischen Baskenland, Fußball gespielt zu haben. Geboren kann man anderswo sein, Euskera, Baskisch, sollte man aber schon sprechen können.

Das war nicht immer so, denn begonnen hat es wie fast überall in Europa und schuld waren natürlich Engländer. Während aber in Wien englische Gärtner der Rothschilds 1894 den First Vienna Football Club gründeten, ist der Athletic Club Bilbao eine Gründung von Technikern und Vorarbeitern, die durch die Stahlindustrie aus England in die Metropole der Baskenprovinz Vizcaya gelockt worden waren.

1898 aus der Taufe gehoben, wurde Athletic aber bald ein Hort des baskischen Nationalismus. José Antonio Aguirre etwa, 1936/37 Präsident (Lehendakari) einer nur neun Monate bestehenden baskischen Autonomieregierung, war in den 20er-Jahren der große Athletic-Star gewesen.

Während der Franco-Diktatur galt das San-Mames-Stadion von Bilbao als vielleicht einziger Ort im Baskenland, in dem sich der Nationalismus ungeschoren artikulieren konnte. Franco ist seit 1975 tot, das Baskenland seit 1979 wieder autonom. Die Basken sind damit nicht zufrieden und drücken das auch (friedlich) weiter bei den Spielen von Athletic aus. Nach Wien sollen übrigens 6000 Fans aus Bilbao kommen. (lü - DER STANDARD PRINTAUSGABE 15.2. 2005)

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