Schweizer Jammer nach dem Debakel

14. Februar 2005, 19:10
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Der nachbarliche Frust nach medaillenlosen WM ist groß, Verband und Politik spielen einander bei der Diskussion um ein Zukunftskonzept den Ball gegenseitig zu

Für die Skination Schweiz war Bormio "ein Schock wie Innsbruck 1964". So kommentierte der Zürcher Tages-Anzeiger das Debakel bei der alpinen Ski-WM, die der Delegation von Swiss Ski genau keine Medaille bescherte. Bester des desolaten Teams war noch der Abfahrts-Weltmeister von 1997, Bruno Kernen. Der 33-jährige Teamsenior fuhr um 16 Hundertstel am Podest vorbei und auf Rang fünf.

"Innsbruck 1964" steht in der Schweiz für ein ähnliches Desaster - da gab es erstmals bei den Olympischen Winterspielen kein Edelmetall für die Schweiz. Damals zog man die Lehren, kreierte ein Nationales Komitee für Elitesport und führte die Sporthilfe ein, um die Athletinnen und Athleten finanziell unterstützt.

Acht Jahre nach Innsbruck gab es die "Goldenen Tage von Sapporo" - dreimal Gold für Bernhard Russi und Marie-Theres Nadig, danach kamen die ebenso goldenen Achtziger, die großen Zeiten von Pirmin Zurbriggen und Erika Hess, von Maria Walliser und Vreni Schneider. Auch später sorgten Michael von Grünigen oder Bruno Kernen immer wieder für Medaillen.

Russi fordert Volksabstimmung

Und nun das Debakel von Bormio: "Der Absturz einer Skination" titelte eine Zeitung, "Swiss Ski fährt mit der Narrenkappe ab" eine andere. Und im Boulevardblatt Blick schlug der ehemalige Skistar und mittlerweile prominente TV-Kommentator Bernhard Russi eine Volksabstimmung zur Förderung des Spitzensports vor. Es brauche ein klares Bekenntnis zum Spitzensport - und zum Sport überhaupt, so Russi. Die Schweizer forderten von ihren Sportlern immer Top-Resultate, gleichzeitig ließen sie es aber zu, dass beim Schulsport gespart werde. Viele Schweizer Schulen führen keine Skikurse mehr durch, früher war es selbstverständlich, dass jedes Kind jedes Jahr eine Woche im Schnee verbrachte.

Sportminister Samuel Schmid hat die Verantwortlichen von Swiss Ski bereits zu sich ins Büro bestellt, um Bormio und die Folgen zu diskutieren. Doch Politiker aller Parteien reagieren skeptisch auf die Idee, der Staat, der zurzeit ohnehin an allen Ecken und Enden spart, solle mehr Geld für den Spitzensport aufwenden. Der Bildungspolitiker Hans-Rudolf Stöckling, der Vorsitzende der Kantonalen Erziehungsdirektoren, spielte den Ball an den Skiverband zurück: "Swiss Ski ist nicht in der Lage, ein vernünftiges Konzept vorzulegen, sondern stellt nur laufend neue Forderungen. Die Schulen tun bereits heute viel und stellen Angebote für talentierte Schüler zur Verfügung."

Sinkendes Zuschauerinteresse

Das Schweizer Fernsehen DRS verzeichnete während der WM in Bormio im Vergleich zu den Titelkämpfen 2003 in St. Moritz einen massiven Zuschauerrückgang. Lediglich die beiden Abfahrten wurden von mehr als einer halben Million Zuschauern gesehen. In St. Moritz hatten beide Abfahrten und der Herren-Super-G Quoten von über einer Million erreicht. Wie vor zwei Jahren wanderten nur knapp 100.000 Personen auf andere TV-Sender ab, rund drei Viertel auf den ORF und ein Viertel auf die ARD.

Vielleicht sollten sich die Schweizer Skifahrer an den Snowboardern orientieren: Diese gewannen in dieser Saison 14 von 16 Weltcup-Rennen und empfahlen sich vergangene Woche mit Siegen auf der Olympiapiste von Bardonecchia als die großen Schweizer Medaillen-Hoffnungen für Turin 2006. (Klaus Bonanomi aus Zürich - DER STANDARD PRINTAUSGABE 15.2. 2005)

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    Ambrosi Hoffmann stand in Bormio ebenso neben sich, wie die gesamte Equipe der Schweiz.

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