"Bin des Rechtfertigens müde"

4. Mai 2005, 20:33
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Pisa einmal anders: Wie eine engagierte Volksschullehrerin die letzten 20 Jahre "Schulreformpolitik" erlebt hat - und wie sie vor dem Hintergrund dieser Erfahrung die aktuelle Bildungsdebatte wahrnimmt

Vor etwa 20 Jahren begannen die großen Veränderungen in meinem Berufsleben als Volksschullehrerin. Ich hatte eine erste Klasse, in der bei den Schülern die Streuung der bereits erworbenen Fertigkeiten derart groß war, dass es mir nicht mehr möglich erschien, nach den herkömmlichen Methoden zu unterrichten. (Einige Kinder konnten schon lesen und schreiben, andere hatten keinerlei Übung im Gebrauch von Schreibwerkzeugen. Es gab Kinder, die ohne Probleme bis 50 rechnen konnten und andere, denen der Zahlenraum 5 zu anspruchsvoll war. Diese Liste könnte unendlich lange fortgesetzt werden.)

Ich machte mich also auf die Suche nach Möglichkeiten den Unterricht so zu gestalten, dass er annähernd allen Kindern gerecht werden konnte. Ich besuchte Fortbildungsveranstaltungen, kaufte mir so viele Bücher wie möglich, die zum Problem passten. Ich begann, den Klassenraum umzustrukturieren. Die Rechnungen in den Buchhandlungen und beim unmöglichen Möbelhaus bezahlte ich selbstverständlich aus meiner Privatkasse. (Dass privat angeschaffte Regale vom Schulwart nicht gereinigt werden müssen, versteht sich von selbst, also übernimmt man auch die Putzarbeit.)

Der Dienstgeber hatte die Situation offenbar auch, zumindest ansatzweise, erkannt und gab einen neuen Lehrplan heraus, in dem die Individualisierung festgeschrieben wurde. Dass dies nur möglich war mit neuen Lernmaterialien, mit Unterrichtsmitteln, die den unterschiedlichen Lernfortschritten Rechnung trugen, das interessierte den Schulerhalter nicht mehr - die finanziellen Ressourcen bleiben unverändert. Also begann man als Lehrerin diese Materialien selber herzustellen, was nicht nur sehr viel Zeit in Anspruch nahm, sondern auch eine Menge kostete - und daher einmal mehr zur Plünderung der Privatkasse führte.

Notorische Ignoranz

Im Laufe der Fortbildungsjahre kam ich zur Montessori-Pädagogik, die das Kind und seine Selbsttätigkeit in den Mittelpunkt stellt und der Bewegung beim Aufbau der Persönlichkeit und der Intelligenz hohen Stellenwert beimisst. Dabei geht man von folgender Erkenntnis aus: Man behält ca. 10 Prozent von dem, was man liest, 20 % von dem, was man hört, 30 % von dem, was man sieht, 50 % von dem, was man sieht und hört, 70 % von dem, was man selbst vorträgt und 90 % von dem, was man selbst ausführt.

Es gab eine große Aufbruchsstimmung unter uns Volksschullehrerinnen und mit unendlich viel Engagement und Motivation wurde unser Unterricht immer kindgerechter. Es störte uns nicht, dass wir viel mehr Zeit einsetzen mussten und ein guter Teil unseres monatlichen Gehalts umgehend wieder in den Unterricht investiert wurde. Was uns aber allmählich auffiel war, dass es die Schulbehörde überhaupt nicht interessierte.

Um ein Beispiel zu geben: Eine Kollegin und ich, die wir gerade unsere Montessori-Ausbildung abgeschlossen hatten, sollten im Herbst wieder erste Klassen übernehmen und an unserer Schule waren 87 Kinder eingeschrieben worden. Die Schulbehörde hatte nun die Möglichkeit, vier erste Klassen mit etwas über 20 Kindern zu eröffnen oder nur 3 mit jeweils 29 Kindern. Wir versuchten in vielen Gesprächen unsere Vorgesetzten davon zu überzeugen, wie wichtig die niedere Schülerzahl für den individualisierenden Unterricht wäre, aber leider, im Herbst hatten wir 29 Kinder in den Klassen sitzen, der Raum war gerammelt voll mit Tischen und Schultaschen, gerade richtig für Frontalunterricht, Platz für Lernen mit Material und Bewegung gab es nicht - und das für vier Lernjahre. (Hinzufügen möchte ich, dass es sich um sozialdemokratische Schulaufsichtsbeamte handelte.)

Blinder Fleck

Dass wir in diesem Zeitraum von etwa 20 Jahren auch die englische Sprache in unseren Unterricht ab der ersten Klasse aufnahmen (natürlich auch mit regelmäßiger Fortbildung verbunden) und die Arbeit mit dem Computer ebenfalls ein wichtiger Bestandteil des Lernens wurde, sei nur nebenher erwähnt.

Ich lese oder höre von diesen Entwicklungen fast nie in den Medien, denn die Berichterstattung bzw. Diskussion über Schule beginnt hierzulande in der Regel erst bei den weiterführenden Schulstufen. Ich sehe diese Entwicklung schon seit einigen Jahren mit großer Trauer, und die Diskussion rund um Pisa geht einmal mehr am Kern der Sache vorbei. Leider kann man aber aus diversen Wortmeldungen immer wieder heraushören, dass die "faulen" Lehrer doch endlich länger arbeiten mögen, dass die Ferien unbedingt gekürzt werden sollen etc.

Ich könnte diesen "Innovatoren" gerne eine Aufstellung meiner Ferienaktivitäten (außerhalb des Familienurlaubs) übermitteln, aber ich bin es müde, meine Arbeitsleistung immer wieder ignoranten Außenstehenden darlegen zu müssen . . .

Elisabeth Stempel Volksschullehrerin i. R.
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