"25 Peaces" + 7: Mörtel, Fahnen, Plünderspaß - Von Christine Nöstlinger

14. Februar 2005, 21:05
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Die Event-Initiative: Jubiläumsmischung für Fortgeschrittene

Wahrscheinlich ist es jetzt schon zu spät dafür - und außerdem hört auf mich sowieso nie jemand -, aber ich würde irrsinnig gern Zeitzeugenkompetenz einbringen, um das "25-Peaces"-Event adretter herauszuputzen.

Ich hätte ja meinen Beistand schon viel früher angedient, aber da hat es geheißen, der Bürgermeister erlaubt das Bomben-Spektakel nicht, und die Eventmacher haben gesagt, wenn das nicht sein darf, ist das ganze Projekt zu vergessen, und ich war mir sicher, dass der Bürgermeister uneinsichtig bleibt und das wunderbare Event gestorben ist. Aber nun lebt es, weil der Bürgermeister wohl erkannt hat, dass jüngere Generationen nichts über das Kriegsende wissen und ältere Generationen alles vergessen haben und zeitgeistmäßig gesehen Events am sinnvollsten sind, weil eine Mischkulanz aus "Jux und Irritation" zur Belehrung und Bewusstseinsbildung der Wiener optimal geeignet ist.

Bloß sollte, damit es alles richtig "ins Gmiat" geht, nicht geknausert werde. Das Spektakel gehört viel üppiger angelegt! Gleich im März etwa müssten große, beigegraue, bodennahe Mauerstaubwolken her. Solche, wie sie entstehen, wenn hohe Zinshäuser reihenweise zusammenkrachen. Das müsste doch auch ohne Bomben zu erzeugen sein. Und jeder, der es 1945 nicht selbst genossen hat, würde das unvergessliche Erlebnis nachholen, bei jedem Atemzug pulverisierten Mörtel zu schlucken.

Günstig wäre auch viel weiße Textilie, handtuch- bis leintuchgroß, die aus offenen Fenstern flattert, um anzuzeigen, dass man sich ergeben hat. Wobei die größten weißen Leintücher die Fenster zieren, wo seinerzeit Hakenkreuz-Fähnchen flatterten.

Apropos Hakenkreuz: Auch NS-Zubehör entsorgen ließe sich nett gestalten. Führerbilder auf kleinste Fuzerln fetzen, Buchdeckel von Mein Kampf-Exemplaren reißen, Parteibücher und Parteiabzeichen in Ofenrohren verstecken. Und ein verzweifelter Mensch irrt ratlos mit seiner bronzenen Hitler-Büste herum und weiß nicht, wo er das gute Stück verbergen soll.

Hab und Gut in Gärten vergraben, um es vor den anrückenden Russen in Sicherheit zu bringen, wäre ebenfalls eine nette Event-Action.

Und für die Kids wüsste ich eine echt lustige Sache! Man bestücke die Fenster eines großen Hauses, etwa einer Schule, mit jungen Männern in US-Uniformen. Vor dem Haus arrangiere man an die hundert Kinder, die pausenlos "Chewing Gum, please" brüllen. Und wenn sie lang genug gebrüllt haben, wirft ein Soldat einen Kaugummistreifen aus dem Fenster, und alle Kinder stürzen sich drauf und kämpfen drum. Und die Soldaten an den Fenstern grinsen sich eins.

Dann hätte ich noch einen kleinen russischen Tiefflieger mit Ledermützenmann anzubieten, der tannenwipfelgroß über ein kleines Mädchen fliegt, und die Freundlichkeit hat, nicht auf es zu schießen; wodurch ich noch am Leben bin.

Vor allem wären aber für junge Leute Plünderungen in Szene zu setzen. Man bräuchte nur eine NSV-Lebensmittellager-Kulisse zu errichten und sie mit Regalen auszustatten, auf denen braune und blaue, prall gefüllte Papiersäcke liegen. Dann erstürmt ein Trupp ehrbarer Bürger den Lagerraum, reißt Sack um Sack auf, um zu sehen, was drin ist. Fleckerln, Nudeln, Kristallzucker, Bohnen und Trockenzwiebelfäden rieseln zu Boden, ganz Wackere prügeln sich um Blechdosen, ebenfalls ohne Aufschrift.

Schließlich zieht der Trupp mit mehr oder minder gefüllten Papiersäcken ab. Zurück bleibt ein knöchelhoher Bodenbelag, aus dem man Pasta e fagioli kochen könnte, wenn nicht der Kristallzucker dabei wäre.

Damit es nicht so teuer wird, könnte eine Supermarktkette als Sponsor gewonnen werden. Die stellt das Lager und die abgelaufene Ware zur Verfügung. Dann muss bloß noch alles braun und blau verpackt werden, weil beim Plündern zu wissen, wonach man grapscht, nur der halbe Spaß ist.

So! Fürs Erste reicht das wohl. Bei Bedarf könnte ich-weitere Highlights geschichtserhellender Art beisteuern. Aber abgesehen davon, dass auf mich sowieso nie jemand hört, fragt mich ja auch keiner. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.2.2005)

Zur Person

Die weltberühmte Kinder- buchautorin und Lindgren- Preisträgerin Christine Nöstlinger lebt und arbeitet in Wien. Ein Jugendfilm, basie- rend auf ihrem Roman "Villa Henriette", läuft gegenwärtig in den heimischen Kinos.
  • "Würde gern etwas Zeitzeugenkompetenz
einbringen, aber auf mich hört ja keiner":
Christine Nöstlinger.
    foto: standard/cremer

    "Würde gern etwas Zeitzeugenkompetenz einbringen, aber auf mich hört ja keiner": Christine Nöstlinger.

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