Ein Ort, an dem es den Zellen gut geht

21. Februar 2005, 13:42
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Volkskrankheit Harnblasenschwäche: Modernes Reinraumlabor für Zellzüchtung kann die meisten therapieren

Innsbruck - Im "Life Science Center" eröffnete das Innsbrucker Uni-Spin-off Innovacell vergangenen Donnerstag Österreichs modernstes Reinraumlabor. Schwerpunkt der Forschung ist "Tissue-Engineering", die Gewebetechnologie. Erforscht und produziert werden Muskelgewebszellen (Myoblasten), die Defekte in Organen und Geweben reparieren können.

"Nicht ohne Stolz" verweist Geschäftsführer Rainer Marksteiner auf "die modernste Zellkulturanlage Österreichs". Das erste marktreife Produkt ist die urocell® Harninkontinenz-Therapie. Harninkontinenz ist eine Volkskrankheit. 800.000 bis eine Million Österreicherinnen und Österreicher leiden unter Blasenschwäche. "Den meisten kann geholfen werden", sagt Hannes Strasser, Professor an der Medizinischen Universität Innsbruck.

Der Urologe und Mitbegründer von Innovacell weiß, wovon er spricht. Strasser entwickelte mit dem Spezialistenteam des Biotechnologieunternehmens "ein ganz einfaches Verfahren" zur Heilung mit körpereigenen Zellen. Mit der in Innsbruck entwickelten Methode hat man der häufigsten Inkontinenzform, der Belastungs- oder Stressinkontinenz (Harnabgang bei Lachen, Niesen, sportlicher Betätigung) den Kampf angesagt. Verursacht wird diese Erkrankung durch eine Schwäche im Schließmuskel der Harnblase.

Genau da setzen der Urologe Strasser und sein Forschungsteam an: Sie implantieren körpereigene Muskelzellen, die den trägen Schließmuskel wieder zum Arbeiten bringen. Die Methode: Aus dem Oberarm des kranken Menschen werden ein kleines Stück Muskelgewebe und Blut entnommen. Diese Proben werden in Kühlboxen von der Klinik ins Labor gebracht und dort unter vollkommen sterilen Bedingungen (das Reinraumlabor gleicht einem Hochsicherheitstrakt) aufbereitet: Myoblasten und Fibroblasten (Bindegewebszellen) werden isoliert und vermehrt.

Dabei wird durch EDV-gestützte Qualitätskontrolle, aber auch mit viel Erfahrungsschatz und Einfühlungsvermögen der Biologen, darauf geachtet "dass es den Zellen gut geht" (Rainer Marksteiner). Ernährt werden die Zellen durch das Serum aus dem Patientenblut. Nach vier bis sechs Wochen sind die Zellen reif für die Rückübertragung an den Patienten. Abstoßungserscheinungen gibt es nicht, da nur körpereigenes Material transplantiert wird.

Hannes Strasser: "Dabei werden die Zellen über eine von uns entwickelte Injektionsvorrichtung durch die Harnröhre implantiert." Überwacht wird der Eingriff mit Ultraschall. Die Bindegewebszellen kommen in die Schleimhaut der Harnröhre und "müssen dort ein Widerlager für den Schließmuskel schaffen". Der zweite Schritt ist die Injektion der Muskelzellen direkt in den angeschlagenen Schließmuskel; dort sollen die Zellen nach maximal zwei Wochen die volle Funktionsfähigkeit des Muskels wiederherstellen.

Der - nach Auskunft der Ärzte schmerzlose - Eingriff dauert 30 Minuten. Die Innsbrucker ließen sich ihre urocell® Therapie patentieren, behandelten bereits 77 Frauen und 35 Männer, 95 der Patienten wurden gänzlich geheilt. Der große Erfolg stärkte den Unternehmergeist, die Innsbrucker wollen mit der Muskelzellen-Therapie den europäischen und dann sogar den US-Markt erobern. (Jutta Berger/DER STANDARD, Printausgabe, 14.02.2005)

Von Jutta Berger

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