Altwerden in der Globalisierungsfalle

13. Februar 2005, 22:59
posten

Plädoyers für soziale Marktwirtschaft und nüchterne Blicke auf die Auswirkungen europäischer Agrarpolitik

...So nah an der Gegenwart zeigt sich derzeit das Berlinale-Programm.


Die Zeiten sind hart: Profitmaximierung kommt vor dem Erhalt von Arbeitsplätzen. Aber: "Demokratien haben doch Verpflichtungen gegenüber ihren Bürgern." Nein, es handelt sich hierbei nicht um eine offizielle Stellungnahme, und es geht nicht um die Deutsche Bank. Vielmehr ist es Dan Foreman alias Dennis Quaid, der diese Botschaft an einen wirtschaftlichen Global Player richtet, welcher zuvor emphatisch erklärt hat, dass gegenwärtig die multinationalen Konzerne eine neue Weltordnung schaffen.

Der Film, in dem Nämliches geschieht, ist In Good Company (Reine Chefsache), das jüngste Werk der Brüder Weitz, die bislang vor allem durch die American Pie-Trilogie und zuletzt mit der Verfilmung von Nick Hornbys About A Boy von sich reden machten. In ihrer neuen Komödie, geschrieben und inszeniert von Paul, produziert von Chris Weitz, geht es nunmehr um ganz andere Lebenskrisen - exemplifiziert anhand des von Quaid verkörperten, 51-jährigen Anzeigenchefs eines überregionalen Sportmagazins.

Nachdem sein Verlag von einem Multi geschluckt wird, sieht dieser sich plötzlich damit konfrontiert, dass ein 26-Jähriger seinen Job übernimmt (der junge Mann heißt mit Nachnamen "Duryea", was so ähnlich klingt wie "Diarrhö" - nicht nur in diesem Punkt lässt American Pie dann doch ein bisschen grüßen).

Das Ganze bleibt stilistisch im Rahmen der Mainstream-Konventionen. In der Entwicklung der Erzählung erlaubt man sich einige ungewöhnliche Volten - bleibt dabei jedoch ganz darauf bedacht, die humanistische Botschaft heimzubringen, die auch eine für die Familie und gegen Altendiskriminierung (ageism) ist. Gewissermaßen also ein Plädoyer für soziale Marktwirtschaft made in Hollywood. Solcherart sind die Überraschungen, die der laufende Wettbewerb der Berlinale derzeit bereithält.

Die Zeiten sind hart, die Zeiten ändern sich: Les temps qui changent heißt der neue Film des Franzosen André Téchiné, der sich ebenfalls um einen Preis bewirbt. Im Panorama hat er mit Crustacés et coquillages (Mariscos Beach) von Olivier Ducastel und Jean Martineau einen Verwandten, die Filme stehen quasi Rücken an Rücken zueinander:

Der eine skizziert ein Drama, der andere ist eine (misslungene) boulevardeske Komödie. In beiden werden zwischen und innerhalb der Eltern- und Kindergeneration Sexualitätspolitiken verhandelt. Zufällig spielt Gilbert Melki jeweils einen Ehemann, in dessen Beziehung es nach zwanzig Jahren kriselt. Im Zentrum stehen jedoch die, die ihren Gefühlen und ihrem Begehren nach dem anderen oder dem eigenen Geschlecht deutlicher Ausdruck verleihen, als er es vermag.

Große Liebe

Catherine Deneuve wird in Les temps qui changent von ihrer ersten großen Liebe gesucht. Gérard Depardieu spielt Antoine, der, als er ihrer nach vielen rastlosen Jahren im Dienste großer Unternehmen unverhofft ansichtig wird, gleich einmal gegen eine Glastüre rennt und mit blutiger Nase zu Boden geht.

Cécile (Deneuve) ist ihrem Mann einst nach Marokko gefolgt. Für eine Radiostation in Tanger gestaltet sie ein Programm, in dem sie die Musikwünsche erfüllt. Ihr aus Paris angekommener Sohn hält sie für gefühlskalt. Zu Antoine wird sie nach mehreren Zurückweisungen sagen, dass sie mit der Vergangenheit abgeschlossen hat, und dass er jetzt, wo sie ihren Körper nicht mehr mag, zu spät kommt mit seinem Begehren. Dann löscht sie im Hotelzimmer das Licht und zieht die Vorhänge zu.

Am Ende wird sie mit der ihr eigenen Konsequenz eine für alle überraschende Entscheidung treffen. Und während Crustacés et coquillages die Erzählung schließlich nach dem Deus-ex-Machina-Modell zu einem für die alten wie die neuen Paare einvernehmlichen Ende bringt, entlässt Téchiné seine Figuren einfach wieder ins Ungewisse.

Die Zeiten ändern sich, und wie sich die Zeiten ändern: Der französische Fotograf und Dokumentarist Raymond Depardon setzt seine als Trilogie angelegte Beobachtung vom Niedergang der bäuerlichen Kultur seiner Heimat fort: Profils paysans: Le quotidien (Ländliche Ansichten: Der Alltag) porträtiert eine aussterbende Generation von Landwirten und dokumentiert damit auch Existenzen und Produktionsformen, die zwischen nationaler Bürokratie und europäischer Agrarpolitik aufgerieben werden.

Auch hier spielt das Altern eine nicht unbeträchtliche Rolle - in der Betrachtung der Bauern sieht das jedoch anders und natürlich realistischer aus als im Lichte Hollywoods: "Wenn Sie 84 sind, werden Sie auch weniger Fotos machen", sagt ein betagter Schäfer zum Regisseur hinter der Kamera. Bis es so weit ist, kann alles nur besser werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.02.2005)

Von
Isabella Reicher aus Berlin
  • Die Liebe und die Fragen zum Thema Altern: Gérard Depardieu mit Catherine Deneuve in "Les Temps qui changent".
    foto: berlinale

    Die Liebe und die Fragen zum Thema Altern: Gérard Depardieu mit Catherine Deneuve in "Les Temps qui changent".

  • Artikelbild
    foto: berlinale
Share if you care.